Entscheidungsfindung

„Wie kommt ihr zu euren Entscheidungen?“ eine häufig gestellte Frage von Besucher*innen. Und eine sehr wichtige. Seit Anfang an wurde darauf geachtet, dass alle Entscheidungen basisdemokratisch von allen mitgetragen werden konnten. Entscheidungen brauchen Zeit und größtmögliche Transparenz von Informationen. Je größer eine Gemeinschaft, desto mehr Meinungen und Ideen…

Nach 11 Jahren des Zusammenlebens im Ökodorf sind wir einen neuen Schritt in unseren internen Strukturen gegangen. Wir wollten unser Gemeinschaftsleben in Sieben Linden stärker durch gemeinsame persönliche Erlebnisse, gegenseitige persönliche Unterstützung und durch gemeinsames Feiern erleben und weniger durch den Prozess, gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Unser Ziel war es, ein System zu entwickeln, in dem die Entscheidungen, die für unsere Gemeinschaft die besten sind, gefunden werden, ohne dass unsere kostbare gemeinschaftliche Zeit durch nervenaufreibende Kämpfe um die richtige Lösung verdorben wird.

2008 haben wir damit den Grundsatz, dass alles Wesentliche im Konsens von allen entschieden wird, aufgegeben und ein „Rätesystem“ entwickelt, in dem viele Entscheidungen in fachkompetente Räte delegiert werden. Dieses System haben wir danach noch mehrfach in Details verändert, aber im Grundsatz hat es sich bewährt.

Unsere Leitsätze – Commitments

Grundlage des Entscheidungsmodells ist das Bewusstsein unserer gemeinsamen Ausrichtung. Dazu haben wir uns auf gemeinsame Leitsätze geeinigt, die uns zur Ausrichtung und als Übungsweg dienen:

  • Ich diene dem Leben.
  • Ich begegne in Liebe und Vertrauen.
  • Ich reife an dem, was mir begegnet.
  • Ich übe mich in Wahrhaftigkeit.
  • Ich übernehme Verantwortung.
  • Ich engagiere mich für eine nachhaltige Welt.
  • Ich… (der siebte Satz ist individuell)

Rätesystem

2008 wurde das Rätesystem eingesetzt mit fünf gewählten Räten, die bestimmte Bereiche von Entscheidungen autonom und im Konsens entscheiden.

Heute (2017) gibt es sieben Räte:
Siedlungsgenossenschaft, Wohnungsgenossenschaft, Soziales, Bauen, Freundeskreis e.V. (Gästebetrieb, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit), Lebensmittelversorgung, sowie der „Ankommensrat“. Die Wahlen finden jährlich statt.

Die Räte haben in ihrem Bereich weitgehende Entscheidungshoheit. Dieses Vertrauen in Delegation hat unser Miteinander sehr entspannt.

Es gibt auch weiterhin Entscheidungen, die von der gesamten Gemeinschaft in den monatlichen stattfindenden Vollversammlungen gefällt werden, z.B. Zuzug von Menschen, Finanzentscheidungen über 40.000 Euro von der Siedlungsgenossenschaft und die Vergabe von Land an Nachbarschaften.
Für die Vollversammlung haben wir ein abgestuftes Konsenssystem entwickelt: Wir stimmen ab mit den vier Stimmmöglichkeiten: Ja, Unentschieden, Nein und Veto.

Ein Beschluss ist angenommen, wenn 2/3 aller abgegebenen Stimmen (von den Anwesenden und den schrift. Stimmen) Ja-Stimmen sind und es kein Veto gibt. Ein Veto bedeutet, dass jemand überhaupt nicht mit dem Beschluss leben kann. Diese Person und die Menschen, die den Beschluss befürworten, sind im Falle eines Vetos angehalten, sich vor der nächsten Versammlung zusammenzusetzen und nach einer Lösung zu suchen, die die Person, die ein Veto hat, auch mittragen kann. Wenn dies gelingt, wird der neue Vorschlag abgestimmt. Wenn nicht, kann in der zweiten Sitzung, in der über einen Beschlussvorschlag abgestimmt wird, über das Veto einer Person hinweggegangen werden, wenn er die erforderlichen 2/3 Ja-Stimmen hat.

Vertrauen braucht Transparenz und Kommunikation

Das Modell basiert auf dem Prinzip Vertrauen. Vertrauen in die Entscheidungen der in ihren Teilbereichen kompetenten oder engagierten Menschen. D.h. „es muss nicht mehr jede*r mitreden“. Wer das trotzdem möchte, hat viel zu tun. Gleichzeitig ist ein guter Informationsfluss wichtig, um die angestrebte Transparenz zu erreichen. In erster Linie wird das über schriftliche Protokolle, die über eine mailingliste versandt werden, erreicht.

Die Gratwanderung, den Mailverkehr einerseits dafür zu nutzen, um alle Mitglieder mit detaillierter Information zu versorgen, und andererseits sich nicht verleiten zu lassen, emotionale Themen über mails zu diskutieren, stellt uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Meist gelingt es jedoch ganz gut, dass wir die Diskussionen wirklich im „Du zu Du“ in Themenabenden, Vollversammlungen oder informellen Gesprächen führen können, in denen wir uns in die Augen blicken.

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