Leben und Arbeiten auf in dem Land? Praxisgründung!

„Die Altmark hat mir 2021 ein neues Zuhause gegeben. Ohne dass wir uns kannten, diese Region und ich. Ich bin froh, nun etwas in die Altmark zurückgeben zu können und darüber, dass wir uns nun besser kennen lernen.“ Franziska aus Sieben Linden gibt Einblicke in die Gründung einer kassenzugelassenen Praxis für Gestalt- und Ergotherapie in Klötze.

Wie schaffe ich es in einer strukturschwachen, ländlichen Gegend mit langen Anfahrtswegen einen erfüllenden Job zu finden, der mich finanziell trägt und mir noch Zeit mit meinen Kindern und in Gemeinschaft lässt? Das ist eine Frage, die mich seit meinem Zuzug nach Sieben Linden im Oktober 2021 immer wieder beschäftigt hat.

Im Mai 2025 habe ich den Entschluss gefasst eine kassenzugelassene Praxis zu gründen und mit den Vorbereitungen begonnen. Im Januar diesen Jahres eröffnete ich eine Praxis für Gestalttherapie und Ergotherapie im acht Kilometer weit entfernten Klötze. Damit erfüllt sich für mich ein lang gehegter Traum.

Sonnenbrille oder Sturmmaske: Arbeitsweg mit dem Rad

Ein wichtiges Kriterium für den Standort meiner Praxis ist der Fahrtweg: Die Arbeit soll auf jeden Fall mit den Rad erreichbar sein. Das hier ist mein erstes Mal Landleben in meinen 43 Erdenjahren. Eine der Herausforderungen ist das häufige Angewiesensein auf das Auto. In der Stadt konnte ich alle Wege mit dem Rad oder der Bahn bewältigen. Egal, ob es der Arzttermin, der Sportverein der Kinder oder der Besuch bei Schulfreund*innen ist: Familienleben auf dem Land macht das Autofahren für viele unumgänglich. Dass meine Praxis von Sieben Linden aus mit dem Rad erreichbar ist, hat neben dem ökologischen Aspekt noch andere Vorteile. Auf dem Weg durch den Wald zwischen Poppau und Klötze komme ich in den Genuss täglicher Bewegung und einiger Begegnungen mit Rehen, Igeln und Hasen. Im Winter fahre ich mit Sturmmaske im Sommer mit Sonnenbrille – falsches Wetter gibt’s ja nicht. Nur falsche Kleidung.

Die Ausgangslage

In meiner Praxis behandle ich Menschen die unter psychisch belastenden Situationen leiden und begleite diese auf Ihrem Heilungsweg.

Mir ist es wichtig durch meine Arbeit eine ergänzende Unterstützung im Bereich der Versorgung für psychisch kranke Menschen zu leisten.

Die ambulante Gesundheitsversorgung in der Altmark liegt, wie in allen ländlichen Regionen Deutschlands, im Argen. Vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen bekommen nur schwer und oft nur unzureichend Unterstützung. Sucht man hier eine therapeutische Begleitung für seine psychischen Themen, landet man schnell auf endlos lang erscheinenden Wartelisten. Dabei bekommt im Schnitt jede Vierte in Deutschland lebende Person mindestens einmal in Ihrem Leben eine Diagnose aus dem Bereich der psychischen Erkrankungen. Die Dunkelziffer der Menschen, die sich psychisch belastet fühlen, aber keine Diagnose bekommen, ist höher. Das liegt unter anderem daran, dass sie keine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis aufsuchen (können) bzw. diese so überlastet sind, dass keine Patientinnen mehr angenommen werden können. Erst kürzlich erklärte mir ein Arzt aus der Region, dass er regelmäßig einen Teil seiner Patientinnen kostenlos behandle, da die Anzahl der Behandlungen das kassenärztliche Budget übersteige, er aber die Menschen nicht ohne Versorgung lassen möchte.

Aktuell berichten 34 % der Erwachsenen in Deutschland, derzeit psychisch belastet zu sein – bei den 18‑ bis 24‑Jährigen sogar 54 %, wie der AXA Mental Health Report 2024/25 zeigt.

Deshalb ist weitere therapeutische Unterstützung gerade auf dem Land dringend notwendig. Und es freut mich an dieser essentiell wichtigen Stelle in unserer Region unterstützen zu können.

Was mich motiviert?

„Gestalttherapeutische Arbeit ist immer auch politische Arbeit“, sagt Lore Perls Mitbegründerin der Gestalttherapie. Und spricht mir damit aus der Seele.

Ich sehe meine Arbeit als Teil der Friedensarbeit. Ich bin der Überzeugung, dass ein friedliches Miteinander mit dem Frieden in uns selbst beginnt. Deshalb unterstütze ich die Menschen dabei, liebevoll auf sich selbst und die eigenen Themen und Herausforderungen zu schauen. Denn, wenn wir lernen unseren eigenen Schatten zu begegnen und anzunehmen, müssen wir diese nicht auf unser Gegenüber projizieren und dort bekämpfen. Der Klientenzentrierte Ansatz meiner Arbeit bedeutet die Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Eine der wichtigsten Aspekte dabei ist der Kontakt mit uns und untereinander. Ich sehe täglich die Vielfalt der unterschiedlichen Menschen, denen ich begegne. Jede Person bringt ihr ganz eigenes Thema und die eigene Geschichte mit. Ich freue mich also jeden Tag auf neue und tiefe Begegnungen.

Was mich unterstützt

Als Mutter zweier Kinder im Alter von 7 und 10 Jahren auf dem Land ist es keine Selbstverständlichkeit mit soviel Zeit und Muse eine eigene Praxis aufbauen zu können. Ein Hortplatz war nicht zu bekommen.

Ohne den Vater meiner Kinder, der sich seit der Praxisgründung vermehrt mit um unsere Kinder kümmert, würde die Betreuungssituation so eine zeitaufwendige berufliche Entwicklung gar nicht zulassen. Für ihn war das zum Glück eine Selbstverständlichkeit und in der Vergangenheit haben wir das auch schon anders herum gemacht. In unserer Gesellschaft ist Care-Arbeit aber überwiegend noch Frauen-Sache.

Ich weiß, dass vielen Frauen nicht dieselbe Unterstützung zuteil wird und bin mir meines Privilegs bewusst. Gleichzeitig sehne ich die Zeit herbei, wo es kein Privileg mehr ist für Frauen und Mütter in unserer Gesellschaft sich beruflich zu verwirklichen, egal in welcher Region sie leben.

Kurz habe ich mich dann auch gefragt, ob ich mich als „gute Mutter“ nicht auch ein bisschen schlecht fühlen müsste, jetzt wo ich ja weniger Zeit mit meinen Kindern verbringen kann. Aber, wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich erfüllter an. Ich komme jeden Nachmittag gerne nach Hause und freue mich von Herzen meine Kinder zu sehen. Mir fehlt nicht der quantitative Aspekt der Zeit mit den Kindern. Wenn wir jetzt Zeit miteinander verbringen, ist das bewusster und die Qualität unserer gemeinsamen Zeit steigt. Wer weiß, vielleicht liegt das auch an einer glücklicheren, ausgeglicheneren Mutter, die das macht, was sie liebt.

Und die Gemeinschaft?

Ich habe das Gefühl, dass die Dorf-Gemeinschaft mir ihren Rückenwind gibt für mein neues Projekt. Ich spüre den Rückhalt und die Freude der Einzelnen darüber, dass ich aus Sieben Linden heraus Gutes in die Welt trage. Ich weiß diese unterstützende Haltung sehr zu schätzen, weil ich, seitdem ich auswärts arbeite, weniger im Dorf zu sehen bin. Meine ehrenamtliche Gremienarbeit musste ich aus Kapazitätsgründen zumindest vorübergehend einstellen. Ein kleineres Ehrenamt und die Gemeinschaftsdienste habe ich beibehalten. Außerdem gibt es noch Eigenleistungsstunden für die Schule der Kinder und die Wohnungsgenossenschaft in meinem Leben zu leisten. Somit komme ich in den Genuss Schulfeste mit zu organisieren, Strohballenhäuser zu bauen und ab und zu Kinderklos zu schrubben. Klingt nach viel? Ja. Oft fühlt sich das so an. Es ist auch lebendig, schön und vielfältig. Und die Kunst ist, mir immer wieder Zeit für mich zu nehmen. Zumindest nehme ich mir das immer häufiger vor und manchmal klappt auch das ganz wunderbar.

Franziska Jovanovski