Unsere Grenzen der Vielfalt
Das Leben in einem großen, selbstverwalteten Projekt wie dem Ökodorf Sieben Linden ist ein wichtiges, manchmal sogar schweißtreibendes Training für unsere Demokratie-Muskel. Denn auch wenn wir uns unter der Überschrift „Ökodorf Sieben Linden“ zusammengefunden haben, ist Vielfalt eine unserer tragenden Säulen – und das mitten in Sachsen-Anhalt.
Vielfalt aushalten – am Beispiel einer Ziege
Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Weltanschauungen, Lebensentwürfen und politischen Haltungen gestalten hier gemeinsam ihren Alltag. Diese Vielfalt ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck unserer Überzeugung, dass eine vielfältige Welt resilienter ist und dass nachhaltige Entwicklung von unterschiedlichen Perspektiven lebt.
Das ist manchmal anstrengend – aktuell gerade am Beispiel einer Ziege, die Mitbewohner:innen von uns in Frankreich (als Rettung aus Milchziegenhaltung) adoptiert haben, und der sie gerne in Sieben Linden ein Zuhause bieten würden. Der Antrag, dass sie mit zwei weiteren Ziegen in Sieben Linden ein gutes Leben bis an ihr natürliches Lebensende leben darf, scheiterte an der in Sieben Linden dafür notwendigen 2/3 Mehrheit. Viele Emotionen gehen damit auf beiden Seiten einher – und der Prozess ist noch nicht zu Ende.
Wie weit geht unsere Offenheit? Nachbarschaft in Sachsen-Anhalt
Und doch glauben wir, dass genau im Aushalten dieser Spannungen ein wichtiger Wert liegt. Wir lernen an den Konflikten und an den Unterschieden. Wir lernen, andere Weltsichten zu verstehen und über unterschiedlliche Meinungen hinweg in menschlichem Kontakt zu bleiben.
Wie weit geht diese Offenheit für unterschiedliche Weltsichten? Wir leben in Sachsen-Anhalt und eine als “gesichert rechtsextrem“ eingestufte Partei wird im nächsten Landtag wahrscheinlich die stärkste Partei werden. Und viele unserer Nachbar:innen werden sie wählen. Darunter sind aber viele Menschen, die einfach enttäuscht von der aktuellen Politik sind, und in ihrer Grundhaltung, so wie wir sie kennen, nicht rechtsextrem sind. Daher pflegen wir weiterhin ein gutes Verhältnis mit allen Nachbar:innen, auch wenn wir vermuten, dass sie eine Partei wählen, die wir nicht gutheißen.
Einladen und Grenzen ziehen – das Toleranz-Paradoxon
Auch innerhalb unserer Gemeinschaft sind wir immer wieder am Ringen. Wir haben für uns als Projekt vor zwei Jahren unser politisches Selbstverständnis (https://siebenlinden.org/de/unser-politisches-selbstverstaendnis/) formuliert, um das wir lange gerungen haben. Gerungen haben wir nicht über die positiven Formulierungen – da waren wir uns schnell einig. Aber die Frage, ob wir klare Grenzen ziehen dürfen, hat uns lange beschäftigt. Unsere Grundhaltung: Wir wollen nicht ausschließen, sondern einladend für viele Weltsichten und für alle Menschen sein.
Und gleichzeitig gilt das „Toleranz-Paradoxon“, das der Philosoph Karl Popper formuliert hat. Er argumentierte, dass eine unbegrenzt tolerante Gesellschaft sich selbst zerstören wird, wenn sie auch jenen uneingeschränkt Raum gibt, die Intoleranz propagieren und demokratische Freiheiten abschaffen wollen. Um eine offene Gesellschaft zu bewahren, muss sie daher gegenüber Bestrebungen, die die Gleichwertigkeit von Menschen oder demokratische Prinzipien angreifen, klare Grenzen ziehen. Offenheit und Abgrenzung sind dabei kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille: Nur wer die Grundlagen einer offenen, solidarischen Gemeinschaft schützt, ermöglicht echte Vielfalt.
Den Demokratie-Muskel stärken – Training im September
Die Arbeit von „Mehr Demokratie e.V.“ und von Christian Felber zur Gemeinwohl-Ökonomie stärkt genau diese Ansätze. Daher freuen wir uns, dass wir am zweiten September-Wochenende mit Roman Huber von Mehr Demokratie e.V. und Christian Felber ein Training „Den Demokratie-Muskel stärken! Zusammen für das Gemeinwohl“ anbieten können. Unter anderem werde ich dort den Ansatz der „Deep Democracy“ vorstellen, ein Ansatz, der offen ist, alle Stimmen zu hören, und die Menschen dahinter wertschätzend anzunehmen. Habt Ihr Lust, dabei zu sein? Noch sind Plätze frei!
11.-14. September 2026 Den Demokratie-Muskel stärken – Zusammen für das Gemeinwohl!
Training mit Christian Felber & Roman Huber
Träumst du von einer demokratischen Kultur, die möglichst viele Menschen einbindet? Möchtest du deinen Demokratie-Muskel stärken? Wir bieten mit diesem Training praxisnahe Tools, die auch in deinem Umfeld funktionieren. Komm in’s „Fitnessstudio Ökodorf“ nach Sachsen-Anhalt – direkt nach den Landtagswahlen! Die Gemeinwohl-Ökonomie und ihre demokratischen Grundwerte treffen auf die Ideen des Vereins „Mehr Demokratie e.V.“ und auf meinen Beitrag – die Deep Democracy.
Unter 28? Wir haben einen Fonds für junge Menschen, denn die Teilnahme soll nicht an den Finanzen scheitern: Melde Dich unter bildungsreferat@siebenlinden.org
Ich würde mich freuen, euch dort zu sehen!
Eva Stützel