Inklusion
Das weltoffene Ökodorf: Anspruch und Wirklichkeit
Sieben Linden versteht sich als offenes und gastfreundliches Ökodorf. Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, Altersgruppen und sozialen Schichten, mit und ohne Behinderung begegnen sich hier mit Respekt und Neugier. Gleichzeitig wissen wir: Dieser Anspruch ist nicht automatisch Realität. Echte Inklusion ist ein Prozess – sie braucht Strukturen, Reflexion und die Bereitschaft, sich mit den eigenen blinden Flecken auseinanderzusetzen. Wie inklusiv ist das Ökodorf wirklich?
Menschen statt Kategorien
Die meisten von uns sind sich darüber bewusst, dass wir ebenso wie die Gesellschaft von zahlreichen Vorurteilen geprägt sind. Sich in einer möglichst vielfältigen Gemeinschaft zu bewegen kann dazu beitragen, diese Prägungen zu verlernen und dem Gegenüber menschlich immer offener zu begegnen. Wir sehen uns als Lernort für diese Vision eines neuen Miteinanders, sind auf dem Weg und nicht perfekt.
„Wir streben an, Menschen nicht zu kategorisieren, sondern uns gegenseitig als Individuen mit jeweils eigenen Bedürfnissen, Empfindungen und Potenzialen wahrzunehmen. Gesellschaftliche Normen, wie sie zum Beispiel an Körperbilder, Geschlecht, Herkunft, Alter und Leistungsfähigkeit geknüpft sind, hinterfragen wir kritisch.“
So steht es in unserem politischen Selbstverständnis.
Inklusion in Gemeinschaft: Teilhabe im Alltag
Teilhabe im Ökodorf ist keine theoretische Debatte, sondern gelebter Alltag. Hier wohnen Menschen zwischen null und achtzig Jahren zusammen – in WGs, die generationsübergreifendes Miteinander zur Normalität machen. Die gegenseitige Hilfe, das gemeinsame Arbeiten und die alltäglichen Begegnungen schaffen ein Netz, das auch in schwierigen Lebensphasen trägt.
Wie das konkret aussieht? Schauen wir uns einige Beispiele an.
Martin: Mit Behinderung mittenmang
Unser Mitbewohner Martin mit geistiger Behinderung und Autismus ist gut in das Dorfleben integriert. Sein auffallendes Verhalten irritiert manchmal Erstbesucher:innen – aber schnell merken sie, welch ein schöner Kern in unserem Mitbewohner steckt. Er bereichert unsere Gemeinschaft durch seine Bereitschaft, für Ordnung zu sorgen und auf Termine aufmerksam zu machen. Außerdem hat er durchaus seinen eigenen Humor und sorgt häufig für einen herzlichen Lacher. Seine große Liebe zu vielen Sieben Lindener:innen drückt sich darin aus, dass er für viele von uns eigene Begrüßungen entwickelt hat. Sieben Linden ist ein guter Ort für ihn, an dem er seine Selbstständigkeit weiter ausbauen kann. In der Podcast-Folge über Inklusion und Martin kann man ihn und seinen Alltag ein wenig kennenlernen.
Eine Familie aus Kurdistan
Im Jahr 2017 kam Emel mit ihren beiden Kindern nach Sieben Linden – als mehrfach Geflüchtete, nach Jahren der Zwangsehe im kurdischen Teil der Türkei. Was als einjährige Zwischenstation geplant war, wurde zu einem achtjährigen Aufenthalt. Die junge Mutter mit deutschen, türkischen und kurdischen Wurzeln fand in Sieben Linden einen Übergang zu einem selbständigen Leben. Mit Scheidungspapieren, Führerschein und Einbürgerung in der Tasche ist sie weitergezogen, um ihre Ausbildung zu beginnen. Auch ihre beiden Jugendlichen gehen ihren Weg und sind weiterhin mit ihren Freund:innen im Ökodorf in Verbindung.
Gäste und Freiwillige: Verschiedene Kulturen und international
Was wäre das Ökodorf ohne die Freiwilligen? Neben dem FÖJ haben wir seit einigen Jahren auch durchgängig internationale Freiwillige aus europäischen Programmen bei uns. Die jungen Menschen kommen aus verschiedenen Ländern für sechs bis zwölf Monate nach Sieben Linden. Sie machen das Gemeinschaftsleben bunter, lebendiger, internationaler – und bringen neue Perspektiven ein. In diesen langen Aufenthalts-Zeiträumen können echte zwischenmenschliche Beziehungen und Lernerfahrungen entstehen.
„Im Ökodorf ist alles pünktlich, vor allem die Arbeit – nur mein Kaffee war oft ein bisschen zu spät ;-). Die Aufgaben haben sich abwechslungsreich geändert, und mit der coolen Stimmung im Team sind selbst die langen Arbeitstage schnell vergangen.“ augenzwinkernd Christophe Manque, Freiwilliger „Engel“ aus Frankreich (Bereich Garten und Wald).
Es ist bereichernd, mit verschiedenen Kulturen und Nationalitäten zusammen zu sein. Auch die hunderten Gäste, die mitarbeiten, Seminare belegen oder uns privat besuchen bringen ganz diverse Hintergründe, Biografien und Wurzeln mit. Diesen Austausch mit „der Welt da draußen“ möchte niemand missen, denn wir verstehen uns ausdrücklich nicht als Insel und können viel voneinander lernen. Zu Gast sein und festes Mitglied der Gemeinschaft werden sind aber zwei Paar Schuhe.
Der kritische Blick: Wie vielfältig sind wir wirklich?
Die Vielfalt unserer Gäste und Freiwilligen zeigt: Sieben Linden kann ein Ort der Begegnung sein. Doch zu Gast sein und festes Mitglied der Gemeinschaft werden sind zwei Paar Schuhe. Wie divers ist eigentlich unsere dauerhafte Bewohner:innenschaft?
Bewohner:innen: Weiß und akademisch?
Wir haben immer den Eindruck, sehr verschieden und individuell zu sein. Doch stimmt das?
Eine ehrliche Bestandsaufnahme zeigt: Einige französische Menschen leben im Ökodorf, eine Mexikanerin und eine Frau aus der Slowakei. Im Podcast berichten Jnana und Chris aus der französischen Perspektive und auch über Sprachbarrieren.
Die Mehrheit der Bewohner:innen in Sieben Linden ist weiß, viele haben einen akademischen Hintergrund, kaum jemand Migrationsgeschichte. Warum ist das so? Genau wissen wir das nicht. Eine mögliche Erklärung liegt vielleicht im Konzept selbst: Orte wie Sieben Linden ziehen Menschen an, die sich bewusst für alternative Lebensweisen entscheiden – und die sich oft bereits mit Nachhaltigkeit und Gemeinschaftsbildung auseinandergesetzt haben. Bei existenziellen Sorgen ist der Kopf vielleicht oft nicht frei für solche gesellschaftlichen Fragestellungen? Wer benachteiligt ist, steckt vom Lebenskonzept her möglicherweise in vielen Zwängen, die eine freie Wahl des Wohnortes erschweren? Einige wenige Mitbewohner:innen kamen aber auch gerade durch existenzielle Nöte und schwierige Lebenssituationen auf die Lösung „Gemeinschaft“.
Es bleibt bei unbeantworteten Fragen. Wir fassen uns auch an die eigene Nase – und können doch nicht aus unserer Haut: So hören wir manchmal, dass das Ökodorf aus der Sicht vieler anderer Kulturen zu sehr an Regeln hafte, zu „streng“ und bürokratisch sei. „Typisch deutsch“ muss kein Kompliment sein ….
Finanzielle Hürden
Und dann ist da noch die finanzielle Frage. Ein Annäherungsprozess mit dem Ziel hier einzusteigen kostet Zeit und auch Geld, Sozialermäßigungen können hier helfen, aber nicht alle Kosten abdecken. Wer überlegt, ins Ökodorf zu ziehen, muss Kapital für Gelände und Wohnraum mitbringen. Im Vergleich zur Finanzierung eines Eigenheims sind die Einlagen sicher sehr gering, dennoch können sie ein Hindernis darstellen. Wir versuchen, die Barrieren bei Genossenschaftsanteilen durch solidarische Finanzierung gering zu halten – aber auch diese Umverteilung kann nur für einen gewissen Teil der Bewohner:innen möglich gemacht werden.
Barrierefreiheit
Seit 2012 sind die Seminar- und Gästeräume dank einer Förderung der Aktion Mensch für Menschen mit Gehbehinderung und Rollstuhlfahrende zugänglich. Ein Aufzug erschließt Seminarräume, Sanitärräume und einige Schlafräume. Das ist mehr als nur Technik – es ist ein Statement: Wir wollen, dass alle teilhaben können. Und wir sind dabei, immer mehr Barrieren auch in anderen Gemeinschaftsbereichen abzubauen.
Ein Ort für alle – wir sind auf dem Weg
Sieben Linden ist inklusiv – und gleichzeitig noch lange nicht inklusiv genug. Diese Spannung auszuhalten und produktiv zu nutzen, ist eine Chance: Auf dem Weg sein, Fragen stellen, zuhören – und gemeinsam herausfinden, wie eine Gemeinschaft, in der alle einen guten Platz finden, aussehen kann. Bis wir an diesem Ziel sind, wird es noch eine Weile dauern.
Auch diese Website könnte inklusiver sein. Mehrere Sprachen anbieten, Leichte Sprache, Audio-Zugänge für Sehbehinderte und so weiter. Manchmal ist es auch schlicht und ergreifend einfach eine Frage der Ressourcen. Wir sind froh, wenn wir die Fakten aktuell halten können und haben keine Personaldecke, die alle Inklusionswünsche abdecken könnte. Wer uns als gemeinnützigem Verein helfen möchte inklusiver zu werden, ist gern gesehen!
Awareness: Achtsam miteinander
Wir setzen uns für eine Kultur der Selbstermächtigung ein, in der alle Teilnehmenden Verantwortung für ihr Verhalten anderen gegenüber und auch für die Wahrung ihrer Grenzen übernehmen. Awareness bedeutet für uns: aufmerksam sein, Grenzen setzen, wahrnehmen und respektieren, Diskriminierung sehen, aufdecken und benennen.
In unserer überschaubaren Gemeinschaft kennen sich die meisten Menschen gut. Es gibt viel Vertrauen und die Möglichkeit, Konflikte im persönlichen Gespräch zu klären, dafür haben wir einen großen Methoden-Koffer. Viele schwierige Situationen werden so im direkten Austausch gelöst – mit Empathie und Zeit füreinander.
Gerade für Gäste und Freiwillige möchten wir niedrigschwellige Anlaufstellen schaffen. Wir entwickeln Awareness-Strukturen für Seminare und Veranstaltungen – mit geschulten Ansprechpersonen, die bei Grenzüberschreitungen unterstützen können.
Unser Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, in dem alle Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Körper oder Identität – sich wohlfühlen und entfalten können. Das gelingt nicht immer perfekt, aber wir arbeiten jeden Tag daran.
Lerne das Ökodorf kennen – auch mit kleinem Geldbeutel
In Sieben Linden kannst du einfach Mensch sein – misch dich unters Volk! In unseren Seminaren und Mitarbeitswochen bekommst du Einblicke in das gemeinschaftliche Zusammenleben.
Für die meisten unserer Seminare sind Normalpreise und ermäßigte Preise ausgewiesen. Auf Anfrage ist es bei vielen Seminaren möglich, den Sozialrabatt auf die Verpflegungskosten zu erhalten sowie eine ermäßigte Kursgebühr zu zahlen – auf Vertrauensbasis, ohne bürokratischen Aufwand.
Junge Menschen (U 28) mit großem Engagement und kleinem Budget wollen besonders in diesen Krisenzeiten in Sieben Linden lernen. Das soll und darf nicht am Geld scheitern! Aus dem JENGA-Fonds werden Unterkunft und Verpflegung für Jugendliche und junge Erwachsene finanziert, die an Seminaren des Freundeskreis Ökodorf e.V. teilnehmen möchten, aber ihren Bildungsaufenthalt nicht aus eigenen Mitteln stemmen können. Bei Interesse bitten wir darum, der Seminaranmeldung ein kurzes Motivationsschreiben beizufügen: Bildungsreferat@siebenlinden.org
Überblick über Ermäßigungen hier: https://siebenlinden.org/de/seminare/seminare-ermaessigungen/
FAQs
1. Wie barrierefrei ist Sieben Linden? Unsere Seminarräume und Teile unserer Gästeunterkünfte sind für Menschen mit Gehbehinderung und Rollstuhl gut zugänglich. In anderen Gemeinschaftsbereichen werden Barrieren schrittweise weiter abgebaut – vollständig barrierefrei ist das Dorf allerdings noch nicht.
2. Können Menschen mit Behinderung in der Gemeinschaft leben? Grundsätzlich ja. Das beste Beispiel ist unser Mitbewohner Martin (geistige Behinderung und Autismus), der seit vielen Jahren gut ins Dorfleben integriert ist, Aufgaben übernimmt und seine Selbstständigkeit ausbaut. Natürlich muss aber in jedem Fall individuell geschaut werden, ob und wie ein gemeinsames Zusammenleben sinnvoll gestaltet werden kann.
3. Wie divers ist die Bewohnerschaft wirklich? Ehrlich gesagt begrenzt: Die Mehrheit ist weiß, viele haben einen akademischen Hintergrund, kaum jemand eine Migrationsgeschichte. Bei Gästen und Freiwilligen ist die Vielfalt größer als in der festen Bewohnerschaft. Wir reflektieren diese Diskrepanz offen, ohne eine abschließende Erklärung zu haben.
4. Genossenschaftsanteile, Kennlernseminare – Schließt ihr damit nicht Menschen aus? Es stimmt, für Gelände und Wohnraum sind Kapitaleinlagen nötig und auch der Annäherungsprozess kostet Zeit und Geld. Im Vergleich zum Eigenheim sind solche Einlagen allerdings sehr gering. Dennoch können sie eine Hürde sein, die wir im Rahmen des Möglichen mit solidarischer Finanzierung und Sozialermäßigungen so gering wie möglich halten.
5. Kann ich Sieben Linden auch mit wenig Geld kennenlernen? Ja. Viele Seminare haben ermäßigte Preise, und ein Sozialrabatt auf Verpflegung und Kursgebühr ist auf Vertrauensbasis möglich – ohne bürokratischen Aufwand. Für engagierte Menschen unter 28 finanziert der JENGA-Fonds Unterkunft und Verpflegung; dafür ist lediglich ein kurzes Motivationsschreiben an das Bildungsreferat nötig.
