Sprechen & Zuhören – „verbreitet sich wie von allein“

Mehr Demokratie hat ein derzeit sehr erfolgreiches Format entwickelt, um miteinander im Gespräch zu bleiben, auch wenn’s schwierig wird.

Claudine Nierth und Roman Huber aus dem Bundesvorstand Mehr Demokratie e.V. nehmen uns mit in die Methode.

Eine Frage, einer spricht, drei hören zu. Immer vier Minuten in drei Runden – das ist Sprechen & Zuhören. In weniger als einer Stunde werden aus Fremden Vertraute. Aus Anspannung wird Gelassenheit, aus Neugier wird Zuversicht. So erleben wir es jeden Tag, jedes Mal, wenn wir irgendwo in Deutschland mit den Menschen Sprechen & Zuhören durchführen. Allein im letzten Jahr haben wir über tausend Menschen die Moderation dieses Gesprächsformates beigebracht. Seitdem verbreitet es sich wie von allein.

In der Corona-Pandemie fing es an, da haben wir bei Mehr Demokratie gemerkt, dass wir mitunter schlecht miteinander reden konnten – zu viele unterschiedliche Ansichten im Umgang mit der Pandemie. Zuerst stritten, dann schwiegen wir. Doch dann kam eine von uns auf die Idee, nur für uns online moderierte Küchengespräche zu machen. Jede Person sprach über das, was sie bewegte, vier Minuten lang, und die anderen hörten nur zu, unterbrachen nicht, kommentierten nicht, bewerteten nicht. Sie sollten sich selbst beim Zuhören beobachten und warten, bis sie dran sind. Es funktionierte! Wir blieben im Austausch miteinander. Als dann Russland die Ukraine angriff und sich die große Angst vor Krieg ausbreitete, gaben wir unserem Gesprächsformat einen Namen: Sprechen & Zuhören. Seitdem bieten wir Sprechen & Zuhören öffentlich an. In großen Hallen, kleinen Gemeindesälen oder einfach online. Eine Einheit dauert eine Stunde, besser anderthalb. Jeden ersten Mittwoch im Monat bieten wir online ein Sprechen & Zuhören an, immer zu einem aktuellen Thema.

Demokratische Kultur

Jahrelang haben wir uns dafür eingesetzt, dass sich Menschen mehr an politischen Entscheidungen beteiligen können – durch strukturelle Veränderungen wie Volksabstimmungen und Bürgerräte. Bis wir merkten, dass wir nicht nur eine demokratische Struktur brauchen, sondern auch eine demokratische Kultur. Wir brauchen Umgangsformen und Lernerfahrungen, um Interessenskonflikte zu bearbeiten und Meinungsverschiedenheiten aushalten zu können. Welchen Sinn hat Demokratie, wenn wir nicht mehr miteinander reden können? Wie finden wir zu gemeinsamen Lösungen, wenn wir nicht mehr denen begegnen wollen, die eine andere Position vertreten? Was wir in den Regierungskoalitionen beobachten, erleben wir ja auch im Arbeitskontext oder in der Familie: Gemeinsames wird immer schwieriger.

Auch in anderen Kontexten lernten wir, dass gegensätzliche Interessen einander nicht ausschließen müssen, sondern im Idealfall einander ergänzen können. Wir haben die ersten bundesweiten Bürgerräte initiiert und 2024 für den Bundestag den Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ durchgeführt Dabei haben wir festgestellt, dass 160 völlig verschiedene Menschen aus allen Wählerschichten ohne Probleme miteinander arbeiten und zu gemeinsamen Lösungen kommen konnten, obwohl jede Person ganz unterschiedliche Interessen vertritt. Warum ging das? Weil die Methode, die Art und Weise des Prozesses darüber entscheidet, ob eine Gruppe sich in der Zusammenarbeit findet oder auseinanderfliegt. Nicht die klügsten Menschen kommen zu guten Lösungen, sondern jene, die sich psychologisch sicher fühlen. Gruppen kommen dann zu guten Entscheidungen, wenn keiner Angst haben muss, diffamiert, bewertet oder blamiert zu werden. Wenn jede Person die gleichen Redeanteile erhält, wenn ihr zugehört wird und sie ihr ganzes Wissen konstruktiv mit in den Prozess einbringen kann, dann verändert sich das Ergebnis. Solche Gruppen erleben ihre Verschiedenheit untereinander als hilfreich und perspektiverweiternd, sie kristallisieren eher ihre Gemeinsamkeiten heraus.

Wir haben festgestellt, dass jeder Mensch, egal welcher Herkunft, bereit ist, sich selbst für das Gemeinwohl konstruktiv einzubringen, wenn der Prozess transparent, fair und ergebnisoffen ist. Deshalb sind die Vorschläge von Bürgerräten am Ende so konsensfähig. Es ist das gemeinsame Ergebnis aller.

Die Politik könnte von diesen Methoden lernen! Wir brauchen keine anderen Politikerinnen und Politiker in den Parlamenten. Wir brauchen neue Prozesse, am besten extern und professionell moderiert, die zu gemeinsamen Ergebnissen führen. Die Bundespolitik hat Bürgerräte erst einmal ad acta gelegt. Doch wenn die Spannungen in der Gesellschaft immer größer werden und kleinste Meinungsverschiedenheiten entweder zum aggressiven Eklat oder zum Verstummen führen, dann muss man sich etwas einfallen lassen!

In Politik und Wirtschaft

Die Landesregierung von Brandenburg wurde als erste auf uns aufmerksam und hat uns beauftragt, Sprechen & Zuhören demokratiestärkend in Gemeinden und Städten durchzuführen. Da, wo die Menschen beim Einkaufen oder im Sportverein nicht mehr miteinander reden. Inzwischen machen wir das bundesweit, meist zu politisch heißen Themen: Wie geht es dir mit der Waffenlieferung in die Ukraine? Mit dem Konflikt in Israel und Gaza? Dem Krieg im Iran? Wie geht es dir mit einem Social-Media-Verbot für Jugendliche und Kinder oder einem AfD-Verbot? Oder, wenn zum Beispiel eine Bürgermeisterin ihre Einwohnerinnen und Einwohner ausgelost und eingeladen hat: „Wie geht es dir in deiner Stadt? Was ist für dich Heimat?“

Wir kommen auf Einladung. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister laden uns in ihre Gemeinden, Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer in ihre Unternehmen und Belegschaften. Wir gehen auf Konferenzen und große Feste. Erst kürzlich war ich bei einer großen deutschen Handelskette, Sprechen & Zuhören mit 700 Personen, überwiegend Azubis im ersten Lehrjahr. Dem Inhaber dieser Handelskette liegt die Demokratie am Herzen. Seine Mitarbeitenden arbeiten für unsere täglichen Bedarfe, wir alle sind ihre Kundschaft. Und viele Kundinnen und Kunden werden immer unhöflicher, aggressiver, bisweilen auch handgreiflich. Das merken die Mitarbeitenden. „Wir sind die Fußabtreter der Gesellschaft, wir merken jeden Tag, wie es den Menschen geht“, sagte mir eine der Verkäuferinnen. Diese alltäglichen Begegnungen sagen etwas darüber aus, wie es um unsere Gesellschaft steht und um unsere Demokratie bestellt ist. Der Ton wird rauer! Unser aller Zündschnur wird kürzer und die Aggressionsbereitschaft wächst mit sinkender Toleranz für unsere Mitmenschen. Ich glaube, wir alle bemerken das.

Statt Argumenten: Wie geht es dir?

Aber was ist jetzt das Besondere an Sprechen & Zuhören? Sprechen & Zuhören ist eine soziale Technik. Eine von vielen verschiedenen Methoden. Sie bringt Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven in den Austausch. Wir fragen nicht, was eine Person über ein Thema denkt, sondern wie es ihr mit dem Thema geht.

Wenn wir fragen würden: „Was denkst du über…“, würden sich die meisten Menschen Argumente zurechtlegen. Würden Recht haben und Recht bekommen wollen. Meist gehen wir doch auf Distanz und meiden Menschen, die Dinge sagen, die uns nicht gefallen. Wir umgeben uns lieber mit unseresgleichen.

Fragen wir aber danach, wie es jemandem mit einem Thema geht, reden die Menschen nicht über andere, sondern über sich und ihre Bedürfnisse, Belastungen und Hoffnungen. Und das verbindet! Einfach, weil man leichter zuhören kann, wenn jemand über sich und nicht über andere spricht. Und die Menschen erfahren, dass sie einander zuhören und respektieren können, ohne sich mit der Meinung des anderen gemein machen zu müssen. Das stärkt Respekt und Vertrauen.

In der Regel achten die Menschen einander sehr und hauen nicht unter die Gürtellinie – auch nicht, wenn sich zufällig ein Grüner, ein Linker, ein Konservativer und eine AfD-Wählerin gegenübersitzen. Vorher fühlen sich die Menschen oft gestresst und alleingelassen mit ihren Sorgen. Nach den Dialogen fühlen sie sich offener und dazugehörig. Unsere Gesprächsformate bringen Menschen wieder zusammen. Oft nehmen sie diese Erfahrung mit in ihren Alltag oder in ihre Familien und Partnerschaften. Viele wollen dann das Format anleiten lernen.

Wir scheinen einen Nerv zu treffen, denn die Menschen kommen von sich aus zu uns. Der Andrang und die Nachfrage sind groß. Das hat unsere Arbeit bei Mehr Demokratie auch verändert. Ging es uns bisher um Instrumente wie Volksabstimmungen und Bürgerräte, setzten wir jetzt aufs Ganze: auf die Fähigkeiten des Einzelnen und die Kulturkompetenz einer ganzen Gesellschaft.

Zum Gesprächsformat und zur Onlineteilnahme:
https://www.sprechen-und-zuhoeren.org/

Zum Spenden:
www.mehr-demokratie.de/spenden

Fotos von Claudine und Roman:
https://www.mehr-demokratie.de/presse/fotos-und-grafiken

Claudine Nierth, *1967, ist Politaktivistin, Künstlerin und Autorin – und Bundesvorstandssprecherin von Mehr Demokratie e.V.. Sie setzt sich seit Jahren für die Weiterentwicklung der Demokratie durch Partizipation ein. Mit Mehr Demokratie initiierte sie die ersten losbasierten Bürgerräte auf Bundesebene.

2018 erhielt Claudine Nierth für ihr Engagement von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz. Ihre Bücher: Die Demokratie braucht uns! und Die zerrissene Gesellschaft sind 2021 und 2023 im Goldmann Verlag erschienen, dieser Tage erscheint bei Kohlhammer Wo wir sind, ist unten.

Roman Huber ist seit 1996 Mitglied des Bundesvorstands von Mehr Demokratie e.V., der größten Organisation für direkte Demokratie. Seit 2001 ist er dort als geschäftsführender Bundesvorstand aktiv. Er brachte mehrere Volksbegehren und Verfassungsbeschwerden erfolgreich auf den Weg und war Mitinitiator der ersten bundesweiten Bürgerräte in Deutschland.

Ein Teil seiner Arbeit besteht gerade darin, das demokratiestärkende Dialogformat „Sprechen & Zuhören“ weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Sprechen & Zuhören in der ARD-Sendung „Das rote Sofa“.

Außerdem ist er einer der Gründer der Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Baden-Württemberg.

Btw: Roman kommt vom 11.-14.9. zu uns für dieses Seminar „Den Demokratie-Muskel stärken“

Oder auch im Live-Online-Training vom 11.-14.9.