Düngerpreise explodieren – wir zeigen mit der Sanitärwende Alternativen
Jahreskongress des „Netzwerks für Nachhaltige Sanitärsysteme“ findet in Sieben Linden statt.
50 Expert*innen diskutieren über Toiletten als Wertstoffsammler und wie eine regionale Kreislaufwirtschaft aussieht
Ab Freitag 24.04.2026 wird der dreitägige Jahreskongress von NetSan e.V. im Ökodorf Sieben Linden stattfinden. Ziel des Vereins „Netzwerk für nachhaltige Sanitärsysteme“ ist es, die Sanitär- und Nährstoffwende voranzutreiben. Toiletten sollen zu Wertstoffsammlern werden, die menschliche Ausscheidungen als Dünger nutzbar machen. Die Düngerkrise ist weltweit eines der aktuellen Top-Themen seit dem Krieg gegen den Iran. Der Kongress bietet mit der Sanitärwende Antworten, die besonders hinsichtlich der globalen Energie- und Düngerkrisen öffentliche Aufmerksamkeit verdienen.
Düngerkrise: Nährstoffe zurück in den Kreislauf
Die Prozesse sind einfach und praxiserprobt: Urin enthält viel Stickstoff und Phosphor, die in der Landwirtschaft dringend gebraucht werden. Aus mit Pflanzenresten vermischtem Kot lässt sich ein hervorragender Bodenverbesserer herstellen, der zum Humusaufbau und damit zur natürlichen Fruchtbarkeit beiträgt. „NetSan e.V. arbeitet auf praktischer, wissenschaftlicher und juristischer Ebene daran, dass die natürlichen Stoffkreisläufe wieder geschlossen werden“, erklärt Annette Jensen, Sprecherin des Vereins.
Hier ein Interview mit Annette Jensen bei ihrem letzten Besuch in Sieben Linden „Holy Shit. Sanitärrevolution jetzt!“
Sanitärwende – Ökodorf als Praxislabor
Erwartet werden 50 Gäste aus Forschung und Praxis. Ganz bewusst hat sich der Verein für das Ökodorf Sieben Linden als Veranstaltungsort entschieden. Das gesamte Ökodorf ist seit fast 30 Jahren ausschließlich mit unterschiedlichen Trockentoiletten ausgestattet – eine Wasserspülung sucht man hier vergeblich. Auf dem Programm stehen deshalb nicht nur Vorträge und Workshops zu Fachthemen und der strategischen Entwicklung des Vereins, sondern auch eine Führung durchs Ökodorf mit der Besichtigung der stillen Örtchen und der Kompostieranlage.
„Was hier in Sieben Linden im Kleinen gelingt, muss dringend in die Breite getragen werden. Wir freuen uns, dass NetSan dies vorantreibt. Die Sanitärwende ist genauso wichtig wie die Energiewende und die Agrarwende – und sogar ein Teil davon.“ Simone Britsch, Ökodorf Sieben Linden.
Hier geht es zu einem aktuellen Artikel von Max Werdenigg aus Sieben Linden: Großes Geschäft – Kleiner Fußabdruck oder was Klimaschutz mit der Toilette zu tun hat.
Ein Trommelkomposter für`s Ökodorf … Innovation am Horizont
Aktuell läuft in Sieben Linden die Konzeption für ein innovatives Trommelkompost-System, das speziell auf die Aufbereitung von Fäkalien zugeschnitten ist. Ziel ist, die bewährte Kompostierung zukünftig durch zwei wechselweise betriebene Rottetrommeln zu ergänzen. In so einer geschlossenen Anlage könnte der Prozess fast vollständig emissionsfrei ablaufen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auch auf der Arbeitserleichterung und der Sicherheit. Im besten Falle geht es 2027 richtig los mit den neuen Rottetrommeln vor Ort.
Kanalisation ist Technik von gestern
Das Ökodorf Sieben Linden hat die üblichen 125 Liter Trinkwasser pro Person und Tag (Bundesdurchschnitt) auf 65 Liter gesenkt. Ein Erfolg, der vor allem den Trockentrenntoiletten zuzuschreiben ist. Die Aufbereitung von Fäkalien und Grauwasser in Kompostierungsanlage und Pflanzenklärbeet erfolgt vor Ort.
Die herkömmliche, im 19. Jahrhundert entwickelte Entsorgungstechnik mischt in der Kanalisation die wertvolle, nährstoffreiche Fracht aus den Toiletten mit Schwermetallen aus der Industrie, Straßendreck, Mikroplastik und vielfältigen Chemikalien. Kläranlagen versuchen dann mit viel Aufwand, die Stoffe wieder aus dem Wasser herauszuholen, was nur unzureichend gelingt. Extrem viel Energie verbraucht vor allem die biologische Klärstufe, mit der Stickstoff und Phosphor eliminiert werden, um die Gewässer nicht zu überdüngen – beide stammen ausschließlich aus Toiletteninhalten. Zwar enthält der Klärschlamm anschließend große Mengen an Phosphor. Doch weil sich darin auch vielfältige andere Schadstoffe befinden, darf Klärschlamm heute fast nirgends mehr aufs Feld gelangen und wird stattdessen verbrannt.
Energiekrisen: Alternativen zum Mineraldünger
Stickstoff und Phosphor sind für die Landwirtschaft essentielle Rohstoffe – und ihr Preis schießt regelmäßig durch globale Krisen nach oben. Dies zeigt aktuell der israelisch-amerikanische Angriffskrieg gegen den Iran. Die iranische Blockade der Straße von Hormus wirkt sich bereits auf die deutsche Landwirtschaft aus, weil die Meerenge weltweit zu den wichtigsten Transportwegen für Stickstoffdünger gehört. Weil für die Herstellungsprozesse viel Gas gebraucht wird, liegen große Produktionsstätten in Katar, Saudi-Arabien, Bahrain und Oman. Auch ein bedeutender Anteil der weltweit gehandelten Phosphatdünger stammen aus den Golfstaaten. Damit die Abhängigkeit von klimaschädlichen fossilen Energien für die Düngemittelherstellung reduziert werden kann, muss unser Blick sich stärker auf geschlossene Nährstoffkreisläufe richten. NetSan e.V. bietet im Zuge einer nachhaltigen Sanitärwende hier zukunftsfähige Antworten an.
Skalierbare Lösungen für die Stadt der Zukunft
Ziel des Vereins NetSan ist es, skalierbare Lösungen auch für die Zukunftsfähigkeit von Städten zu erarbeiten. Bisher kommen die Trockentoiletten vor allem auf Musikfestivals und neuerdings auch im öffentlichen Raum zum Einsatz. Auch in Kleingärten, Privathäusern und einigen Lebensgemeinschaften sind sie zu finden. In mehrjährigen wissenschaftlichen Projekten wurde nachgewiesen, dass eine gefahrlose Aufbereitung und Verwendung der menschlichen Hinterlassenschaften möglich ist und auch Medikamentenreste und Hormone eliminiert werden können. Allerdings steht das deutsche Dünger- und Abfallrecht einer massiven Ausweitung bisher im Weg.
Die Mitglieder von NetSan e.V. arbeiten zusammen mit internationalen Partnerorganisationen daran, dass Trockentrenntoiletten auch in mehrgeschossigen Wohngebäuden zum Einsatz kommen. Die Exkremente sollen zukünftig im Keller gesammelt und von einer regionalen Verwertungsanlage aufbereitet werden, In Paris ist eine erste entsprechende Siedlung im Bau, in Genf gibt es bereits mit Trockentoiletten ausgestattete mehrstöckige Genossenschaftshäuser. Umfragen aus mehreren Ländern belegen die prinzipielle Offenheit vieler Menschen für solche Lösungen, sofern sie hygienisch einwandfrei sind und sie selbst sich nicht um die Entsorgung kümmern müssen.
Die Politik muss Weichen für die Sanitärwende stellen
NetSan e.V. fordert die Politik auf, das Dünge- und Abfallrecht endlich an die Erfordernisse unserer Zeit anzupassen. Die technischen Lösungen existieren, internationale Beispiele zeigen den Weg – jetzt braucht es den politischen Willen. Beim Jahreskongress in Sieben Linden will der Verein konkrete Strategien weiterentwickeln und die Vernetzung der Mitglieder intensivieren.