Folge 159: Die 7 häufigsten Vorurteile gegen Ökodörfer

Folge 159: Die 7 häufigsten Vorurteile gegen Ökodörfer

Podcast-Cover: Simone und Annika albern rum und Simone füttert Annika mit Trauben.

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Folge 159: Die 7 häufigsten Vorurteile gegen Ökodörfer

Kaum sagst du „Ökodorf“, kommen sie – die festen Bilder im Kopf. Die Kommentare. Hippies. Müsli. Irgendwo im Nirgendwo, abgeschnitten von der Welt.

Aber stimmt das wirklich? In dieser Episode nehmen Annika Alex aus Sieben Linden und Simone, unsere Moderatorin sich die 7 hartnäckigsten Vorurteile vor, die Ökodörfern immer wieder begegnen – und sie überlegen, was wirklich dahintersteckt:

  1. Ökodörfer sind rückwärtsgewandt und führen ein Insel-Dasein“ – oder leben sie einfach andere Prioritäten? 
  2. Die leben wie vor 100 Jahren! Ökodörfer sind technikfeindlich und unmodern“ – aber was, wenn das Gegenteil zutrifft? 
  3. Die essen nur Müsli und Karotten!“ – Lecker. Was Menschen essen, sagt viel darüber aus, wie sie leben wollen 😉
  4. Da musst du deine Freiheit aufgeben“ – oder sind die Bewohner:innen vielleicht doch krasse Individualist:innen?
  5. In Gemeinschaften leben Hippies“ – die Realität ist noch bunter.
  6. Ökodörfer sind teure, exklusive Eliteprojekte“ – für wen sind sie wirklich zugänglich? 
  7. Das ist doch eine Sekte!“ – eine Frage, die sich viele stellen, bevor sie das erste Mal vorbeikommen. 

In dieser Podcast-Folge findet du ein paar Antworten, die überraschen. Am Ende hilft bei Vorurteilen immer folgendes am Besten: Besuche Gemeinschaften und Ökodörfer. Bringe eine offene Haltung mit – und du wirst eine große Bandbreite entdecken. 

Hier das Transkript unseres Interviews zum Nachlesen…

Transkript (bereinigt) | Sprecher: Simone Britsch, Annika Alex

SIMONE
Hallo und herzlich willkommen zum Ökodorf-Podcast, Folge 159. Kaum sagst du „Ökodorf“, kommen sie schon – die Bilder in den Köpfen, die Kommentare zu Hippies, Müsli, irgendwo im Nirgendwo. Aber stimmt das alles wirklich? Heute nehmen wir uns die sieben hartnäckigsten Vorurteile vor, die Ökodörfern immer wieder begegnen.

Mit dabei ist Annika Alex aus Sieben Linden. Sie ist Vorstand bei GEN Deutschland, dem Netzwerk der Gemeinschaften, und arbeitet auch für das Europäische Gemeinschaftsnetzwerk. Kurz gesagt: Sie kennt das Feld wirklich, reist viel und hat viel gesehen.

Wir werden das Ganze ein bisschen auseinandernehmen – auch mit Humor. Und am Ende gilt, was bei Vorurteilen eigentlich immer hilft: Hingehen, anschauen, zuhören. Mit einem offenen Herzen und Neugier wirst du eine Bandbreite in den Ökodörfern und Gemeinschaften entdecken, die dich überrascht. Viel Spaß beim Reinhören – und komm mal vorbei bei uns im Ökodorf Sieben Linden.


Das ist der Ökodorf-Podcast aus Sieben Linden. Mein Name ist Simone Britsch. In unserem Ökodorf leben 150 Menschen seit 25 Jahren nachhaltig und gemeinschaftlich zusammen. Lass dich von Sieben Linden inspirieren. Besuche gern unsere Seminare vor Ort oder in der digitalen Webinar-Welt.


Hallo Annika.

ANNIKA
Hallo Simone.

SIMONE
Wir haben uns zusammengesetzt – beide aus Sieben Linden – und wollen über Vorurteile gegenüber Gemeinschaften und Ökodörfern sprechen. Du hast da ja schon einige Erfahrung und bist schon ziemlich lange in der Szene unterwegs.

ANNIKA
Ja, fast zehn Jahre bin ich in Sieben Linden – und fast genauso lange im GEN Norddeutschland und GEN Europe Netzwerk, also dem Global Eco-Village Network. Genauso lang auch im GEN-Deutschland-Netzwerk, dem Netzwerk für Gemeinschaften und Ökodörfer in Deutschland. Ich bin also auch im europäischen Netzwerk sehr viel unterwegs.

SIMONE
Ich kann auf jeden Fall sagen, dass du manchmal wirklich ganz schön wenig zu Hause bist, weil du in anderen Gemeinschaften unterwegs bist.

ANNIKA
Ja, das ist mir sehr stark aufgefallen, seit ich wieder zurück bin.

SIMONE
Das ist aber auch gut. Wir brauchen die Verbindung, die Kontakte und den Überblick. Du bist meine super Auskunftsquelle für heute.


VORURTEIL 1: „Ökodörfer leben im Inseldasein – abgeschottet und nicht auf die Gesellschaft übertragbar.“

SIMONE
Was ich ziemlich häufig höre: Ökodörfern wird unterstellt, dass sie ein Inseldasein führen – rückwärtsgewandt auf ihre Scholle zurückgezogen, und das Ganze deswegen gar nicht auf die Gesellschaft übertragbar. Was denkst du darüber?

ANNIKA
Das trifft es für mich nicht. Ich erlebe so viele verschiedene Modelle und Arten von Ökodörfern und Gemeinschaften. Wir bieten viele Alternativen – vielleicht nicht als ganzes Paket, aber in der Summe der kleinen Teile, die an verschiedenen Stellen in der Gesellschaft aufgenommen werden können. Wir haben hier zum Beispiel eine Verschenke-Ecke. In Leipzig gibt es Tauschboxen. Und wir haben in Sieben Linden den Lehmbau stark vorangetrieben – ein altes Konzept, das sich bewährt hat und alles andere als rückständig ist.

SIMONE
Zum Thema Inseldasein: In Sieben Linden laufen sehr viele Gäste durchs Gelände. Tagesgäste, Bildungsgäste, Schulklassen. Und in anderen Gemeinschaften ist es ähnlich – die meisten öffnen sich.

ANNIKA
Absolut. Viele Gemeinschaften haben offene Tage wie unser Sonntagscafé. Immer mehr öffnen sich auch für Schulen und bieten Bildung für nachhaltige Entwicklung an – Workshops, bei denen man wieder mit Natur in Kontakt kommt. Das reicht von den Jüngsten bis zu den Ältesten. Viele Gemeinschaften haben aktiven Bildungsbetrieb, damit kein Inseldasein entsteht.

SIMONE
Wir nennen uns ja intentionale Gemeinschaften – mit einer Intention, einem Ziel. Und das Ziel der meisten ist es, über ein Modell in die Gesellschaft zu wirken: zu zeigen, dass es funktioniert, und als Beispiel für andere zu stehen.

ANNIKA
Genau damit ist das Global Eco-Village Network vor mehr als 30 Jahren angetreten. Die Gesellschaft bewegt sich in Richtung mehr Individualismus, weg von Verbindung miteinander und mit der Natur. Der Punkt ist: Wie kommen wir mit unserer Erde in Einklang, so dass wir weniger schlechten Einfluss nehmen?

SIMONE
Schaut in die Shownotes – dort findet ihr die Websites von GEN Deutschland, GEN Europe und das Kommunenetzwerk. Lauter offene, gar nicht inselartige Projekte, bei denen man gerne vorbeischauen kann.


VORURTEIL 2: „Ökodörfer leben technikfeindlich – wie vor 100 Jahren.“

SIMONE
Ein zweites Vorurteil: Wir sollen technikfeindlich und unmodern leben, wie vor 100 Jahren. Hörst du das auch?

ANNIKA
Ja, das stimmt aber nicht. Wenn ich mir anschaue, wie verkabelt Sieben Linden ist – ich habe das Privileg, ans kabelgebundene LAN anzudocken und damit wunderbar zu arbeiten. Das brauche ich für meine Arbeit in den Netzwerken. Der einzige Punkt, den ich hier wirklich schätze, ist, dass wir das Smartphone im Flugmodus haben, wenn wir auf dem Gelände unterwegs sind. Freunde aus anderen Gemeinschaften sind dann immer wieder überrascht: „Wie komme ich jetzt an meine Nachrichten ran?“ Das ist witzig. Wir haben einfach ein anderes Commitment: Wir möchten der Person in die Augen schauen und nicht auf einen Handyscreen.

SIMONE
Wir haben überall PCs zur Verfügung und arbeiten fleißig daran – wenn wir nicht gerade in der Gärtnerei, auf der Baustelle, im Waldkindergarten oder in unserem großen Wald arbeiten. Eine andere Sache sind natürlich die Komposttoiletten. Die wirken auf den ersten Blick wie von vorgestern.

ANNIKA
Wobei – Besucher sind jedes Mal überrascht: „Boah, das riecht ja gar nicht. Wie habt ihr das hingekriegt?“ Ich finde das ein tolles Beispiel, das über die Jahre gewachsen ist. Mit 170 Personen am Platz nutzen wir immer noch Kompostklos – und sparen dadurch enorm viel Wasser. In einer Region, wo die Sommer immer trockener werden, ist das wichtig. Jede Ressource ist wertvoll.

SIMONE
Viele Ideen von gestern sind modernisiert die Ideen von morgen. Thomas, unser Mitbewohner, hat mal gesagt: „Wir leben hier nicht wie vor 100 Jahren, sondern wie in 100 Jahren.“ Das Wasserklosett hat keine Zukunft. Es wäre gut, wenn manche Länder nach Sieben Linden schauen würden und von unserem modernen Komposttoilettensystem lernen würden – statt sich eine Wasserspülung zu wünschen und die Nährstoffe in der Kanalisation zu verlieren. Auch unsere Häuser sind modern – natürlich aus Baustoffen wie Holz, Stroh und Lehm, aber mit einem technischen Innovationsgrad, der sehr komfortabel ist.

ANNIKA
Absolut. Jedes Mal, wenn ich aus der Welt nach Hause komme, denke ich: Ich weiß, ich komme in mein Zimmer zurück – und es ist einfach schön. Das Raumklima eines Hauses mit Strohlehm-Außenwand ist einzigartig. Ich kann richtig tief durchatmen. Ich will nie wieder irgendwo anders leben.

SIMONE
Wir sind offen für Technologien, setzen sie aber bewusst ein. Nicht jede neue Mode machen wir mit – wir überlegen erst. Und der nächste Schritt in Sieben Linden: Wir kaufen einen hochmodernen Stromspeicher, um unsere selbst erzeugte Solarenergie besser zu speichern – mit Salz als Speichermedium. Dazu kommt eine eigene Podcast-Folge: Super-Technik im Ökodorf.


VORURTEIL 3: „Die essen da nur Müsli und Karotten.“

SIMONE
Die essen da nur Müsli und Karotten – da will ich gar nicht hin.

ANNIKA
Das ist ein schönes drittes Vorurteil – und klar, ich esse morgens auch gerne mal Müsli. Aber es gibt so viel anderes! Im Sommer die Vielfalt aus dem Garten: dieses Jahr sogar Artischocken. Meine Mutter war fassungslos: „Ihr habt Artischocken – aus dem eigenen Garten?!“ Wunderbar. Wir haben gerade eine Tomatenschwemme, dazu Wassermelonen, Auberginen, Paprika – es ist einfach genial. Wobei man ehrlich zugeben muss: Im Winter essen wir tatsächlich hauptsächlich Karotten, Kohl und Kürbis. Wir schauen, was regional und saisonal vorhanden ist, und fragen uns: Muss wirklich die Banane aus Südamerika zu dieser Jahreszeit bei uns landen? Unser Naturwaren-Verein gibt aber auch mal Weihnachtsleckereien heraus – Orangen, Mandarinen – damit wir gut durch den Winter kommen.

SIMONE
Ich finde das Individuelle wichtig. In der Gemeinschaftsverpflegung wird sehr ökologisch gekocht – überwiegend vegan, manches vegetarisch, kein Fleisch. Gleichzeitig hat man im Privaten die Freiheit, sich mal etwas Besonderes zu kaufen oder essen zu gehen. Wir sind schon ziemlich Müsli-und-Karotte, aber offen und vielseitig – und mit der richtigen Würzung kann man aus heimischen Lebensmitteln ein internationales Flair zaubern.

ANNIKA
Auf jeden Fall.


VORURTEIL 4: „Im Ökodorf musst du deine ganze Freiheit aufgeben.“

SIMONE
Vorurteil Nummer vier: Im Ökodorf musst du deine ganze Freiheit aufgeben.

ANNIKA
Auf keinen Fall. So viel wie ich ständig unterwegs bin, habe ich eine ziemlich große Freiheit zu sagen: „Ich bin die nächsten zwei Wochen nicht da – beruflich oder bei der Familie.“ Wir haben natürlich bestimmte Vereinbarungen – das Smartphone-Thema, die Komposttoiletten – aber vieles ist total individuell. Wie mein Raum aussieht, sagt mir keiner vor. Wie technologisiert ich bin, bestimme ich selbst. Es ist wie in jeder Partnerschaft: Man geht manchmal Kompromisse ein.

SIMONE
Es ist schon ein bisschen mehr soziale Kontrolle als beim Alleinleben – aber das ist Sinn einer intentionalen Gemeinschaft. Das weiß man vorher, wenn man hierher kommt. Und da wir ein demokratisches Ökodorf sind, hat man sobald man zieht – Mitbestimmungsmöglichkeiten, wie sich die Rahmenbedingungen weiterentwickeln.

ANNIKA
Das Thema Mobilität ist bei mir sehr präsent. Ich reflektiere ständig: Mit welchem Verkehrsmittel fahre ich? Glücklicherweise bin ich oft auf dem Land und gut mit Bus und Bahn unterwegs. Aber es gibt Momente, wo ich denke: „Ich habe mir doch wieder einen Schokoriegel gekauft – und der Kakao kommt aus Afrika.“ Das Gute: Hier gibt es Fair-Trade-Produkte. Aber diese Art der Reflexion gehört zum Leben hier dazu.

SIMONE
Findest du das positiv oder negativ – diese gefühlte soziale Kontrolle?

ANNIKA
Ich finde es positiv, weil es einen Stopp einlegt: „Brauche ich das gerade? Habe ich nicht schon genug?“ Es fühlt sich manchmal nicht ganz angenehm an – aber das sagt dann etwas darüber, warum. Entweder kaufe ich mir doch noch etwas – und dafür kommt dann etwas anderes in die Verschenke-Ecke. Es ist ein ständiges Abwägen.

SIMONE
Ich erlebe die Siebenlinder als ziemlich flexibel. Wenn man erklärt, warum man eine Ausnahme macht, sind die Menschen unglaublich verständnisvoll. Wir treffen eigentlich eine gute Balance zwischen individueller Freiheit und dem Sich-Anpassen.

ANNIKA
Genau. Und der Knackpunkt in Gemeinschaft ist, dass wir nicht über den Gartenzaun reden, sondern direkt in Kontakt gehen und fragen: „Was war die Motivation dahinter?“


VORURTEIL 5: „Ihr seid doch alle Hippies.“

SIMONE
Bist du eigentlich ein Hippie, Annika – wenn du in einer Hippie-Kommune lebst?

ANNIKA
Auf jeden Fall – an manchen Stellen. Wir tragen Klamotten mit Löchern, weil wir sie so lange wie möglich tragen wollen. Manchmal läuft jemand barfuß durchs Gelände. Aber wir sind auch „am Wirbeln und Machen und Tun“ – da sitzt niemand in der Rauchecke. Und was Beziehungen angeht: Das Thema wird reflektiert, aber es ist nicht so, wie es sich manche vorstellen. An anderen Stellen bin ich Geek – technisch affin und als Buchhalterin zahlenorientiert.

SIMONE
Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich schicker anziehen, wenn sie den Platz verlassen. Ich selbst habe „Sieben-Linden-Klamotten“ und dann etwas für draußen. Die Menschen hier sind freestyle und vielfältig gekleidet – von Abendkleid bis barfuß.

ANNIKA
Genau. Im Alltag guckt man, was passt. Aber es gibt auch Partys mit Dresscode und Abendkleidern.


VORURTEIL 6: „Ökodörfer sind ein Eliteprojekt – nicht für alle zugänglich.“

SIMONE
Ein Vorurteil, das ich mir zu Herzen nehme: Sind wir ein Eliteprojekt? Können alle partizipieren, oder ist es durch Kosten oder Bildungsniveau zu exklusiv?

ANNIKA
Das kommt tatsächlich vor – das existiert. Und wir sind uns dessen bewusst und suchen Wege, wie wir uns öffnen können. Es ist klar: Wer unsere Vereinbarungen grundsätzlich nicht mitgehen kann, findet hier vielleicht nicht den richtigen Platz. Aber es muss nicht an der Herkunft liegen. Eine Freundin aus der Türkei, die vor zehn Jahren herkam, hat hier viel mitgenommen – und war für eine Zeit ein gutes Auffangbecken. Es gibt Lebensphasen.

SIMONE
Zum Kostenaspekt: Man braucht in Sieben Linden als Genossenschaft etwa 25.000 Euro Genossenschaftsanteile, um hier zu bauen. Das klingt erst mal unüberwindbar. Aber ich beobachte: Menschen, die wirklich hierher passen, scheitern am Ende nicht an den Anteilen. Es gibt Leihanteile aus der Gemeinschaft oder aus der Familie. Dennoch sehe ich Hürden – und ich wünsche mir, dass die richtigen Menschen auch herkommen können.

ANNIKA
Ich bin als Freiwillige hergekommen – frisch aus der Uni, mit wenig Geld. Aber es hat sich gefügt. Ich wusste: Das ist der Platz für mich. Es gab Unterstützung von innen und außen. Die Genossenschaftsanteile sind auch eine Geldanlage – damit finanzieren wir zum Beispiel den neuen Stromspeicher oder das Regiohaus. Es geht am Ende darum, wie geborgen man sich fühlt – und dann fügt sich der Rest.

SIMONE
Was wir tatsächlich wenig abbilden: den migrantischen Anteil in der Gesellschaft. Wir haben einzelne Menschen aus Frankreich, der Slowakei, aus Mexiko – aber insgesamt ist der Anteil gering. Das liegt nicht nur an den Finanzen.

ANNIKA
Manchmal ist es unsere Strukturiertheit, die abschreckend wirkt. Und für Menschen mit Migrationshintergrund stehen so viele andere Fragen im Vordergrund: Wo bin ich? Wie komme ich zurecht? Da ist das Gemeinschaftsleben vielleicht erst ein späterer Schritt. Das heißt nicht, dass wir nicht offen sind – aber die richtige Brücke fehlt noch.

SIMONE
Wir halten niemanden bewusst draußen. Aber es gibt noch nicht die richtige Brücke – und wir sind da in einer Suchbewegung.


VORURTEIL 7: „Das ist doch eine Sekte.“

SIMONE
Letzter und siebter Punkt: „Das ist doch eine Sekte.“

ANNIKA
Das höre ich manchmal – und kann es nicht nachvollziehen. Was unterscheidet es von einem Sportverein? Wir leben nicht alle mit demselben religiösen Glauben zusammen. Wir haben in Sieben Linden das Haus der Stille, wo man meditieren kann – mit jeder Religion willkommen. Es ist nicht so, dass wir alle Christen oder alle Buddhisten sind. Was uns verbindet, ist Ökologie und das Soziale miteinander.

SIMONE
Und aus einer Sekte kommt man nicht leicht raus. Die Gemeinschaften, die ich kenne, haben alle klare Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten.

ANNIKA
Absolut. Niemand ist hier bis ans Lebensende gebunden. Selbst bei solidarischer Ökonomie, wo man Geld einbringt, ist geregelt, was man mitnehmen kann. In GEN Deutschland haben wir vor Jahren Unvereinbarkeitskriterien aufgestellt – angeregt durch eine Gruppe, die sich uns angenähert hatte und hierarchische Strukturen sowie sogenannte „Bewusstseinsstufen“ verfolgte. Daraus wurde dann leider auch Gewalt. Wir haben klar gesagt: Keine sektenähnlichen Bewegungen in unserem Netzwerk. Wir stehen dafür, dass Individuen ihre Entscheidungsfreiheit behalten – rein und raus.

SIMONE
Ich bin sehr froh, wie das gelaufen ist. Die Gruppe „Go and Change“ hat damals Anträge gestellt – und nachdem wir uns als Netzwerk bereits dagegen entschieden hatten, ist es eskaliert. Was wir tun können: Solche Gruppen nicht ins Netzwerk aufnehmen und ein klares Signal setzen.


ABSCHLUSS

SIMONE
Wir haben sieben hartnäckige Vorurteile besprochen und einige davon entkräftet. An manchen ist auch was dran. Der beste Weg, Vorurteile zu überprüfen, ist aber: einfach mal vorbeischauen. Ihr könnt Sieben Linden und andere Ökodörfer besuchen.

ANNIKA
Genau – und schaut auf der GEN-Deutschland-Karte oder der GEN-Europe-Karte nach Gemeinschaften in eurer Nähe. Kommt einfach vorbei – wir sind gespannt, ob ihr noch Vorurteile findet, die sich bestätigen.

SIMONE
Sagt auf jeden Fall mal Bescheid. Wir sind neugierig. Tschüss, tschüss!


Das war die neue Folge des Ökodorf-Podcasts aus Sieben Linden. Besuche uns auf www.siebenlinden.org oder direkt im Ökodorf. In unseren Seminaren lernst du, die Welt von morgen nachhaltig und gemeinsam zu gestalten. Der Ökodorf-Podcast aus Sieben Linden ist eine Produktion vom Freundeskreis Ökodorf e.V.

Ressourcen & Weiterführendes

GEN Global Ecovillage Network Deutschland: https://gen-deutschland.de/

GEN Global Ecovillage Network Europe https://gen-europe.org/

Kommuja-Netzwerk der Kommunen: https://www.kommuja.de/

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