Zivile Seenotrettung berichtet: „Unsere Arbeit ist humanitär und vor allem auch politisch“
Öffentlicher Vortrag von Skipper Matthias Wiedenlübbert zur zivilen Seenotrettung
Weiterhin beschäftigt uns das Thema Seenotrettung. Beim letzten Einsatz Anfang Dezember rettete die Crew des deutschen Segelboots TROTAMAR III19 Menschen aus einem seeuntüchtigen Holzboot im Mittelmeer. Seit über zwei Jahren ist das „CompassCollective“ aus dem benachbarten Wendland aktiv und hat in 21 Einsätzen bereits 2.793 Menschen unterstützt, die auf der Flucht von Nordafrika nach Europa waren.
Dabei leisteten sie mit Rettungswesten und Trinkwasser Hilfe und bringen die Italienischen Behörden dazu, selber raus zufahren und die Menschen zu retten. 544 Flüchtende mussten bisher direkt an Bord der TROTAMAR III gerettet werden, weil ihnen akute Lebensgefahr drohte. Bei einem Vortrag im Ökodorf berichtete Skipper Matthias Wiedenlübbert am Sonntag 1.2.2026 von den Herausforderungen der Seenotrettung und von der politischen Dimension seiner ehrenamtlichen Tätigkeit.
Zivile Seenotrettung – Einblicke aus erster Hand
Matthias war auf den meisten Einsätzen selbst an Bord und kann einen tiefen Einblick in die Arbeit der zivilen Seenotrettung geben. Zusammen mit vier anderen Aktiven aus dem Wendland hat er Anfang 2023 das CompassCollective gegründet, schon im Sommer desselben Jahres startete der erste Einsatz. Mittlerweile segeln sie neun Einsätze pro Jahr für jeweils drei Wochen, dazwischen kurze Pausen mit Reparaturen am Boot und im Winter Werftzeit.
Seenotrettung macht auf das Unrecht an den Außengrenzen Europas aufmerksam
„Es gibt sicher viele Möglichkeiten, Menschenleben zu retten, die Seenotrettung ist ja eigentlich ziemlich weit weg von unserem Alltag hier in der Altmark“, sagt Julia Kommerell, die Matthias ins Ökodorf eingeladen hat, „mir ist es jedoch wichtig, mich an dieser Stelle einzusetzen, da ich das Unrecht, das an den Außengrenzen Europas praktiziert wird, nicht akzeptieren kann. Viele Menschen in Deutschland haben Vorfahren mit Fluchterfahrung. Die Altmark, eingekeilt zwischen sowjetischen und amerikanischen Truppen, war Schauplatz vieler schrecklicher Fluchtdramen. Wie können wir zusehen, dass all das wieder und wieder geschieht. Das Engagement der zivilen Seenotretter:innen finde ich da sehr mutig und wichtig.“ Julia unterstützt das CompassCollective an diesem Tag durch den Verkauf von T-Shirts mit der Aufschrift „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Starke Bilder und berührende Erfahrungen
Der Skipper Matthias erzählt von verschiedensten Rettungseinsätzen, beispielsweise der Rettung von 64 flüchtenden Menschen aus einem Schlauchboot. Das Schiff kam damit voll an seine Belastungsgrenze und bei stärkerem Seegang wäre es selbst in Seenot geraten. Alle Geretteten wurden aber heil auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa abgeliefert. Werden die Menschen auf Lampadusa übergeben, kommen sie zunächst in ein Lager, werden mit Essen und zu Trinken versorgt und können kurz ausruhen. Nach 72 Stunden haben sie die Insel meistens wieder verlassen und werden von den Behörden aufs italienische Festland und in verschiedene Städte gebracht – mit ungewissen Perspektiven.
„Schwimmende Särge“
Matthias schildert, wie CompassCollective mit der TROTAMAR III die kleinen Flüchtlingsboote bis Lampedusa begleiten und die Geflüchteten dafür mit Rettungswesten ausstatten. Oder aber sie nehmen die Menschen aus seeuntauglichen Booten direkt an Bord des Segelschiffes. Er beschrieb die praktischen Schwierigkeiten, bei hohen Wellen zu retten. All dies untermalte er mit sehr berührenden Bildern. Ein Foto zeigt einen „schwimmenden Sarg“, ein sehr einfaches, aus Metallbadewannen zusammengeschweißtes Boot, das in sekundenschnelle untergehen kann, was einmal vor den Augen der Crew der Trotamar III geschah.
„Unsere Arbeit ist humanitär und vor allem politisch“
Denn Matthias betont, dass die Arbeit der NGO vor allem eine Politische ist, „denn uns geht es natürlich zum einen darum, Menschenleben zu retten. Auf der anderen Seite zeigen wir auf, dass Grenzen von Menschen geschaffen werden und dass es eine „Festung Europa“ gibt, die eigentlich unmenschlich und institutionalisierter Rassismus ist (…). Dementsprechend haben wir nach unserem Verständnis nicht nur 64 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt, denn die wären in ihrem Schlauchboot sicher ertrunken, sondern auch vor dem Pull-back gerettet, also ganz aktiv da auch dieses politische Unrecht nicht zugelassen.“
Rechtlichen Konsequenzen drohen – und könnten den Arbeitsschwerpunkt verlagern
Ein Schwerpunkt legt der Vortrag auf die Versuche der Anrainerstaaten die Seenotrettung des CompassCollective und anderer Nichtregierungsorganisationen zu behindern und zu kriminalisieren. Die zivilen Seenotrettungsschiffe fahren in tunesische und libysche Seenotrettungsregionen (SRR – Search and Rescue Region, internationale Gewässer). Wenn sie ein Boot orten, sind sie gesetzlich verpflichtet, dies an italienische, tunesische und lybische Behörden zu melden. Für das CompassCollective lässt sich dies jedoch nicht mit ihren Grundsätzen vereinbaren. Die Lybische Küstenwache hat schnelle Boote, mit denen sie die Rückführung „pull-backs“ der Geflüchteten nach Lybien betreiben. Für die Menschen, die ohnehin schon auf ihrer Fluchtroute – und insbesondere in Lybien – Gewalt, Folter, sexueller Sklaverei und anderen Repressalien ausgesetzt waren, der blanke Horror.
Die Aktiven vom CompassCollective weigern sich, Seenotfälle an das lybische Regime zu melden und sind bereit die Konsequenzen zu tragen. Mögliche Folgen wären: temporäre Festsetzung (letzten Herbst einmal passiert), Geldstrafen und beim dritten Mal eine komplette Festsetzung des Schiffes. CompassCollective würde nach Verlust des Schiffes die politische Mission weiterführen in Form von Gerichtsprozessen mit Öffentlichkeitswirksamkeit.
Spendenfinanzierung
CompassCollective wird durch Spenden finanziert, wer sich also beteiligen möchte, findet alles Wissenswerte (auch zum Mitsegeln) auf der Website: https://compass-collective.org . Auch beim Sommercamp 2025 haben wir im Ökodorf Spenden gesammelt https://siebenlinden.org/de/man-laesst-keine-menschen-ertrinken-punkt/
Julia Kommerell
Hinweis: Dieser Beitrag repräsentiert nicht unbedingt die Meinung aller Bewohner:innen des Ökodorfes Sieben Lindens und des Vereins Freundeskreis Ökodorf e.V..