Ökologischer Fußabdruck

Unser Fußabdruck:
Die Ökobilanz Sieben Lindens

Wissenschaftlich belegt: Gemeinschaftliches Leben im Ökodorf halbiert den CO2-Ausstoß

Wie umwelt- und klimafreundlich leben wir wirklich?

Die Bewohner*innen des Ökodorfes sind mit einer großen Idee angetreten: Für das einfache, gute und ökologische Leben in Gemeinschaft. Doch wie nachhaltig ist das Leben in Sieben Linden tatsächlich? Diese Frage stellen Besucher*innen, Medien und auch wir selbst uns immer wieder. Um sie möglichst objektiv zu beantworten, errechnen wir regelmäßig wissenschaftlich begleitete Ökobilanzen für das gesamte Ökodorf für 160 Menschen. Stolzes Ergebnis: 

Wir verursachen weniger als die Hälfte der CO2-Emissionen des deutschen Durchschnitts.


Die Maßeinheit CO2e steht für „Kohlendioxid-Äquivalente“ und drückt aus, wieviel Impact unser persönlicher Lebensstil auf den Planeten hat. Wohnen, Essen, Mobilität und Konsum werden berechnet – je kleiner der Fußabdruck, desto nachhaltiger. 

Unser aktueller CO2-Fußabdruck:
42% des Bundesdurchschnitts

Aktuell liegen wir bei 5,0 Tonnen CO2 pro Person und Jahr – die Bewohner*innen von Sieben Linden verursachen 52% weniger CO2-Emissionen als der deutsche Durchschnitt (10,5 Tonnen). Zieht man die öffentlichen Emissionen (Verkehrsinfrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Militär usw.) ab, liegen wir sogar 58% unterm Durchschnitt.

Diese Zahl motiviert uns und bestätigt, dass gemeinschaftliches Leben mit ökologischem Anspruch einen messbaren Unterschied macht. Eine wichtige Erkenntnis ist jedoch auch: Die CO2-Emissionen des Ökodorfes haben sich in den letzten 15 Jahren kaum verändert. Wir konnten unser niedriges Niveau halten, haben aber auch nur partiell Fortschritte gemacht. Bei zwei Kategorien haben wir uns sogar verschlechtert – ein ehrliches Ergebnis, das uns zum Nachdenken und Handeln anregt. Weiter unten im Artikel setzen wir auch mit den blinden Flecken der Studie auseinander.

Energie, Mobilität, Ernährung, Konsum: 
Die vier Hauptbereiche im Detail

1. Energie: Vorbildlich durch Strohballenbau und Solar – nur 11% des Bundesdurchschnitts

0,3 Tonnen CO2 pro Person/Jahr (Bundesdurchschnitt: 2,8 Tonnen)

Unser Energieverbrauch liegt bei nur 11 Prozent des Bundesdurchschnitts. Seit der Ökobilanzierung 2014 hat sich dieser Wert kaum verändert. Dieser Erfolg hat mehrere Gründe, die eng miteinander verzahnt sind: 

  • Energieeffiziente Strohballenbauweise: Dicke Strohwände im Holzständerrahmen wirken als hervorragende Wärmedämmung, der Primärenergie-Impact sowie der Heizenergiebedarf sinkt dadurch drastisch.
  • Erneuerbarer Energien: Solaranlagen, passive Solarenergie und nachhaltige Brennholzgewinnung aus unserer eigenen Forstwirtschaft sind regenerative Energiequellen. 
  • Gemeinschaftliches Wohnen: Geteilte Räumlichkeiten und relativ kleine Privatzimmer senken zusätzlich den Pro-Kopf-Verbrauch. 

Ein vieldiskutierter Aspekt sind die Holzheizungen: Offiziell ist Holz nicht mehr als CO2-neutraler Brennstoff anerkannt. Sieben Linden verheizt jedoch nur Brennholz aus den eigenen Wäldern, das nicht als Bauholz geeignet ist. Gleichzeitig werten wir den Wald ökologisch auf und fördern die Biodiversität. Ausnahmsweise konnten wir in der Studie daher eine Null-Emission unserer Holzheizungen geltend machen. Für die Zukunft setzen wir dennoch vermehrt auf moderne Wärmepumpen-Technologie, um noch klimafreundlicher zu heizen.

2. Ernährung: Pflanzlich, regional, klimafreundlich– wir liegen voll im Trend und minimieren auf 33% 

0,5 Tonnen CO2 pro Person/Jahr (Bundesdurchschnitt: 1,6 Tonnen)

Mit etwa einem Drittel des Bundesdurchschnitts zeigen wir im Bereich Ernährung, wie zukunftsfähig pflanzliche, regionale Kost ist. Im Vergleich zu 2014 konnten wir uns von 0,7 Tonnen auf 0,5 Tonnen verbessern. Besonders erfreulich: Der Bundesdurchschnitt sinkt ebenfalls – ein hoffnungsvoller Trend zu mehr pflanzlicher Ernährung in der gesamten Gesellschaft.

  • Überwiegend pflanzenbasierte Kost. Die Produktion tierischer Lebensmittel verursacht ein Vielfaches an Emissionen im Vergleich zu pflanzlichen Produkten. Der Anteil an Milchprodukten, Eiern und Fleisch ist in Sieben Linden weiterhin sinkend.
  • Regionale und saisonale Produkte: Viele Lebensmittel bauen wir in unserer Gärtnerei nach den Kriterien des ökologischen Landbaus selbst an. 
  • Kurze Transportwege: Frisch vom Acker auf den Teller ist das Motto. Lagerung und Haltbarmachen finden direkt vor Ort statt: Unser „Gemüsestrohtel“ mit Naturkühlung, Regale voller Obst- und Gemüsekonserven und eine Kühlzelle. 
  • Unsere minimierte Lebensmittelverschwendung wurde in der Studie nicht bilanziert. Während im Bundesdurchschnitt erhebliche Mengen an Nahrungsmitteln im Müll landen, werfen wir in kaum Essbares weg.

3. Mobilität: Zwischen Anspruch und Realität – 54% des Bundesdurchschnitts

1,1 Tonnen CO2 pro Person/Jahr (Bundesdurchschnitt: 2,0 Tonnen)

Unser Mobilitäts-Fußabdruck liegt bei 54 Prozent des Bundesdurchschnitts. Klingt gut, doch im Jahr 2014 erreichten wir noch 50 Prozent. Der Bundesdurchschnitt ist in den letzten Jahren stärker gesunken als unserer.

Auf den ersten Blick blieb die Gesamtbilanz der Mobilität bei 1,1 Tonnen CO2 pro Jahr und Person stabil. Doch schauen wir genauer hin: Insgesamt nahmen die gefahrenen Kilometer pro Person leicht zu und verschoben sich ungünstig von öffentlichen Verkehrsmitteln zum Auto. Auch Flüge nahmen zu.

Was passiert da?

  • Der DB-Fernverkehr wird mittlerweile als klimaneutral gerechnet, da die Deutsche Bahn offiziell CO2-neutral fährt. Eine positive gesellschaftliche Entwicklung, die unserer Bilanz zu Gute kam. 
  • Wir legen mehr Auto-Kilometer zurück – trotz Teil-Auto-Pool und digital koordiniertem Fahrtensystem. Vielleicht weil mehr Mitbewohner*innen zur Arbeit in die ländliche Region Altmark pendeln, die schlecht mit dem ÖPNV angebunden ist? 
  • Die von uns mit dem regionalen Linienbus zurückgelegten Strecken haben eine abnehmende Tendenz, obwohl wir mittlerweile eine Bushaltestelle direkt beim Ökodorf haben. Paradox? Ja, wir wollen erforschen, woran das liegt. 
  • Flüge: Besonders unsere jüngeren Mitbewohner*innen möchten die Lebensrealität außerhalb Europas kennenlernen. Wie kann dieser Wunsch mit weniger Emissionen erfüllt werden?

Der Trend in der Kategorie „Emissionen“ steht im Widerspruch zu unseren Nachhaltigkeitszielen und ist ein Thema, das wir aktuell in der Gemeinschaft bewegen:

Auch in einem Ökodorf mit hohem Nachhaltigkeitsanspruch sind negative Entwicklungen möglich. Nur wer ehrlich hinschaut, kann besser werden.

Christoph Strünke, Umweltwissenschaftler aus Sieben Linden, verantwortlich für die Fußabdruck-Studien

4.  Privater Konsum & öffentliche Emissionen: In der komplexesten Kategorie schaffen wir nur 66% 

1,9 Tonnen CO2 pro Person/Jahr (Bundesdurchschnitt: 2,9 Tonnen)

Hier ist der Vergleich zwischen 2014 und 2023 enorm schwierig, da unterschiedliche Kategorien und Methoden verwendet wurden. Zum Konsum zählt alles, was wir an Gütern kaufen: Haushalts- und Elektrogeräte, Autos, Möbel und Innenausstattung, aber auch Übernachtungen, Freizeitaktivitäten und Kultur außer Haus.

Privater Konsum:

Die Höhe des Einkommens und das Kaufverhalten haben hier bei der Berechnung den größten Einfluss. Die Logik dahinter ist einfach – aber auch vereinfachend: Je mehr jemand verdient, desto mehr konsumiert die Person in der Regel. Das mag für die Durchschnittsdeutschen stimmen. In Sieben Linden sind wir nicht so stark in diesem Automatismus gefangen und konsumieren einkommensunabhängig bewusster: 

  • Weniger Haben, mehr Sein. Es wird verhältnismäßig viel Geld ausgegeben für Bildung und Selbsterfahrung – mit äußerst geringen Emissionen. 
  • Gebrauchte Dinge kaufen oder einfach in der Verschenke-Ecke finden ist bei uns hoch im Kurs. 
  • Wir reparieren lieber, statt neu zu kaufen, leihen Dinge aus und teilen sie, statt sie individuell zu besitzen.
  • Der Fokus liegt auf Qualität und Langlebigkeit statt auf schnellem Konsum. 
  • Fragezeichen: Außerhäusige Übernachtungen – ein Bewertungsproblem Ja, die Sieben Lindner*innen sind viel unterwegs. Oft bei Freund*innen und Familie, denn wir sind in die Altmark gezogen und vermissen unsere Lieben in anderen Regionen. Die Bewertung von Privatbesuchen (wo für uns kein eigenes Zimmer bereit gehalten wird) mit geringfügigen Emissionen im Vergleich zu Buchungen in Pensionen, Hotels usw. setzt unsere Emissionswerte recht hoch an. 

Wurden wir hier aufgrund der Berechnungsgrundlage im Bereich Konsum vielleicht deutlich zu schlecht eingestuft? Die starke Abhängigkeit der Berechnung von Einkommensdaten sowie die Bewertung der Privatbesuche könnte zu Verzerrungen führen. Wir akzeptieren die Zahlen, denn jede Studie hat ihre Schwächen – Handlungsoptionen sehen wir im Bereich Konsum für uns allerdings kaum. 

Öffentliche Emissionen:

Diesen Bereich können wir nicht beeinflussen. Er umfasst Schulen, Straßen, Krankenhäuser, Verwaltung, Militär und wird bei Fußabdruck-Berechnungen allen Menschen in Deutschland gleichermaßen zugerechnet – 1,2 Tonnen CO2 pro Bundesbürger*in, unabhängig vom individuellen Lebensstil.

5. CO2-Kompensation: Noch ausbaufähig

Ein relativ neuer Aspekt in unserer Klimastrategie ist die Frage der Kompensation.

Denn so sehr wir uns auch bemühen: Niemand von uns kommt ganz ohne CO2-Emissionen aus. Neu in unser Blickfeld gerückt ist daher der Bereich Kompensation durch Spenden an Klimakompensationsprojekte wie beispielsweise Baumpflanzungen, die dafür sorgen, dass CO2 gebunden oder eingespart wird.  Wir sind dankbar für die Anregung aus der Studie. 

Wir diskutieren in Sieben Linden aktuell verschiedene Ansätze. Diese Fragen sind noch offen und werden in der Gemeinschaft kontrovers diskutiert.

  • Sollen wir unsere Spenden in CO2-senkende Aufforstungen oder in Klimagas-einsparende Projekte erhöhen? 

Oder setzen wir zukünftig eher darauf, dass die Maßnahmen auf unserem eigenen Gelände – wie Humusaufbau, ökologischer Waldumbau und Agroforst  – stärker in die Bilanzierung einfließen? 

Blinde Flecken der aktuellen Studie: Unsere unsichtbaren Klimahelden

Jeder forschende Blickwinkel mit seiner Methodik hat auch blinden Flecken. So aussagekräftig die CO2-Bilanz in vielen Bereichen auch ist – sie erfasst nicht alle ökologischen Leistungen, die wir in Sieben Linden erbringen. Aufgrund des CO2-basierten Modells kommen diese Errungenschaften in der CO2-Fußabdruck-Bilanzierung nicht vor:

Wasserhaushalt: Wir verbrauchen aufgrund unserer Sanitärsysteme, insbesondere Komposttoiletten und der Grauwasserklärung vor Ort, nur 50 Prozent des Wassers: 65 Liter pro Person und Tag statt 125 Liter im Bundesdurchschnitt. Geschlossenen Kreisläufen statt Ressourcenverschwendung – ein erheblicher ökologischer Vorteil, der in keiner CO2-Bilanz auftaucht. Dafür müsste man einen Wasser-Fußabdruck errechnen. 

Biodiversität: In den 30 Jahren, in denen wir in Sieben Linden Bäume und Hecken pflanzen und die Landwirtschaft auf den Grundlagen der Permakultur gestalten, steigt der Artenreichtum kontinuierlich. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Vogelarten, deren großen Artenreichtum ornithologische Zählungen erfassen konnten. Wir entwickeln auch Lebensräume für Insekten, Amphibien und eine Vielzahl von Pflanzenarten.

Humusaufbau & CO2-Bindung: Der CO2-bindende Humusaufbau in unseren Gärten und in den Gehölzen der Agroforst-Baumstreifen wird nicht gemessen. Die Studie berücksichtigt nur „offizielle“ Klimaschutz-Projekte, an die wir spenden – was wir wenig tun, denn wir wirken vor Ort. Doch unsere Eigenleistung, auch das ehrenamtliche Engagement wird nicht bilanziert. 

Ausblick und Weitblick: Was bedeuten diese Ergebnisse für uns und global?

Ausblick: Weitere Schritte in der Realutopie

Die Daten zeigen klar: Gemeinschaftliches Leben im Ökodorf kann den CO2-Fußabdruck stark senken – und zwar ohne eine Einbuße an Lebensqualität oder Lebensfreude. Ein klimafreundliches Leben ist nicht nur eine Utopie, sondern real.

Die wissenschaftliche Erfassung unseres Fußabdrucks ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug für kontinuierliche Weiterentwicklung. Wir besprechen die Ergebnisse in der Gemeinschaft und leiten konkrete Maßnahmen ab. Denn Nachhaltigkeit ist kein einmal erreichter Zustand ist, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der immer wieder kritische Reflexion und Anpassung erfordert. 

Weitblick: Gut im Bundesvergleich – nicht ausreichend für den Planeten

So erfreulich unsere Ergebnisse im deutschen Vergleich sind – für das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens müsste der globale Pro-Kopf-Ausstoß bei 0 bis 1 Tonne CO2 pro Jahr liegen. Mit unseren 5,0 Tonnen landen wir zwar weit unter dem deutschen Durchschnitt von 10,5 Tonnen, aber immer noch fünfmal über dem planetaren Budget.

Deutschland gehört zu den historisch größten CO2-Emittenten weltweit. Die reichsten 10% der Weltbevölkerung verursachen etwa 50% der globalen Emissionen – während die ärmsten 50% nur für 10% verantwortlich sind. Selbst unsere öffentlichen Emissionen in Deutschland (1,2 Tonnen) sind bereits höher als das gesamte Jahresbudget vieler Menschen im globalen Süden.

Wer weiter und tiefer denkt erkennt auch – es geht nicht nur um CO2 und Klima. Hinter jeder Tonne Klimagasen aus fossilen verbergen sich auch Zerstörung von Naturräumen, Artensterben, und eine Dezimierung endlicher Ressourcen. Hinter den Klimagas-Emissionen steht auch Verschmutzung durch Müll, Schwermetalle, Radioaktivität – oder nicht selten sogar Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutung.

Was das bedeutet:

  • Selbst als Vorreiter Ökodorf müssen wir weiter an radikalen Lösungen arbeiten – bei der Mobilität, bei der Kompensation, bei der politischen Einflussnahme. Es geht um nicht weniger als um die Dekarbonisierung unseres Lebensstil.
  • Individuelle Lebensstilveränderungen allein reichen nicht aus. Grundlegende und strukturelle Transformationen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Als Ökodorf wollen wir laut für diese Veränderungen eintreten.

Wie kannst auch du deinen Fußabdruck minimieren? 

Ein Besuch in Sieben Linden gibt vielen Menschen einen Motivations-Schub. Und du musst nicht gleich ins Ökodorf ziehen, um etwas zu bewirken! Berechne deinen persönlichen CO2-Fußabdruck und entdecke, welche Veränderungen in deinem Leben die größten Effekte haben. Michael Bilharz hat unsere Fußabdruck-Studie begleitet. Sein Projekt „3 fürs Klima“ bietet dir einen einfachen CO2-Rechner und praktische Tipps: www.3fuersklima.de

Die wissenschaftlichen Untersuchungen zu unserem Fußabdruck im Überblick:

2004 (2002) – Gesamthochschule Kassel: Studie „Gemeinschaftlich – nachhaltig“

2019 (2014) – Technische Universität Turin: Umfassende Analyse durch Andrea Bocco und Team 

2026 (2023) – Projekt „3 fürs Klima e.V.“: Aktuelle Berechnung mit dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes