Retten statt wegwerfen

Sophie verteilt getrocknete Mango an verschiedene Menschen

Die Zahlen sind erschreckend: Jedes Jahr landen in Deutschland rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel laut WWF-Studie im Müll – oft noch originalverpackt und lange haltbar. Was in der Wegwerfgesellschaft zur traurigen Normalität geworden ist, widerspricht grundlegend den Werten nachhaltigen Lebens. Sieben Linden pflegt daher einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln und deren Wiederverwertung. Raphael Fellmer hat sich das ebenfalls zur Aufgabe mit seinem Online-Versand für gerettete Lebensmittel SirPlus gemacht.

Alle werden satt?

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll – über die Hälfte davon völlig unnötig. Dabei geht es nicht nur um weggeworfene Nahrung: Mit jedem entsorgten Produkt verschwenden wir auch das CO2, das Wasser und die Energie, die für Anbau und Herstellung aufgewendet wurden.

Die globale Dimension macht das Problem noch deutlicher: Während fast eine Milliarde Menschen weltweit hungern, würde bereits ein Viertel der in den USA, Großbritannien und Europa verschwendeten Lebensmittel ausreichen, um sie alle zu ernähren.

Die Verschwendungskette

Die Lebensmittelverschwendung zieht sich durch die gesamte Produktionskette:

Landwirtschaft: Bereits auf dem Feld wird aussortiert – Gemüse und Obst, das nicht der Norm entspricht, wird oft gar nicht erst geerntet

Industrie und Handel: Überproduktion, abgelaufene Mindesthaltbarkeitsdaten oder beschädigte Verpackungen führen zur Entsorgung noch genießbarer Waren

Gastronomie: Große Portionen und Buffets enden häufig in der Tonne

Private Haushalte: Mit fast 60% – das sind 74,5-76 kg pro Kopf und Jahr –  trägt dieser Bereich den größten (!) Anteil zur Lebensmittelverschwendung bei – durch Fehlplanung, falsche Lagerung oder Missverständnisse beim Mindesthaltbarkeitsdatum

Und: Pro Sekunde landen unnötigerweise 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel im Müll 

Bewusster Konsum im Ökodorf Sieben Linden

Im Ökodorf Sieben Linden wird Nachhaltigkeit gelebt – auch beim Thema Ernährung. Durch gemeinschaftliche Einkäufe, eigenen Gemüseanbau und bewussten Umgang mit Ressourcen versuchen die Bewohnenden, Lebensmittelverschwendung zu minimieren. Die Verbrauchsstruktur im Ökodorf basiert auf dem Prinzip: So regional wie möglich, so saisonal wie sinnvoll, so wenig Abfall wie machbar.

Innerhalb unserer Gemeinschaft entstehen wenig Lebensmittelabfälle – zum Glück. Wiederverwenden statt wegwerfen. Doch dieses Prinzip gilt nicht überall. Es stellt sich die gesellschaftliche Frage: „Wie kann das große Wegschmeißen minimiert werden?“

Containern: Rettung aus der Grauzone?

Aus dieser großen Verschwendung heraus ist die Containern-Bewegung entstanden. Menschen durchsuchen Abfallcontainer von Supermärkten nach noch genießbaren Lebensmitteln und retten sie vor der Vernichtung. Was moralisch und ökologisch sinnvoll erscheint, bewegt sich jedoch in einer rechtlichen Grauzone.

Die rechtliche Situation:

– Containern wird als Diebstahl nach § 242 Abs. 1 StGB eingestuft

– Beim Betreten eingezäunter Grundstücke kommt zusätzlich Hausfriedensbruch nach § 123 Abs. 1 StGB in Betracht (HIER die strafrechtlichen Aspekte des Containers)

-Mehrere Gerichtsurteile haben Containernde verurteilt, auch wenn es sich um weggeworfene Waren handelte

– 2023 brachten Justizminister Marco Buschmann (FDP) und Ernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) einen Vorschlag zur Entkriminalisierung ein. Der Bundestag befasste sich im April 2023 erstmals mit einem Gesetz, das Containern von Strafen befreien sollte. Der Vorschlag fand jedoch keine Mehrheit.

Das BVerfG stellte klar: „Containern ist und bleibt Diebstahl, auch dann, wenn die mitgenommene Ware komplett wertlos ist“ (LINK über den Satz)

SIRPLUS: Lebensmittelrettung per Versand

Genau hier setzt der Online-Versand SIRPLUS an. Das Social-Impact-Unternehmen rettet Lebensmittel, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in den regulären Handel gelangen – sei es wegen Überproduktion, kleiner Schönheitsfehler oder kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum.

Die geretteten Produkte werden in Retterboxen zusammengestellt und deutschlandweit verschickt. So wird Lebensmittelrettung unkompliziert, legal und für jede:n zugänglich.

Der Gründer Raphael Fellmer schenkte uns eine gerettete 2kg Bio-Mango-Packung und wir haben diese freudvoll an die Gemeinschaft verteilt und genossen: https://www.youtube.com/shorts/XE1n8fhIwwc   

Wenn ihr mehr zu SIRPLUS wissen wollt, hört mal in die Podcast-Folge 143 mit Raphael und Simone rein: https://siebenlinden.org/de/neue-podcast-folge-folge-143-lebensmittel-retten-4-tipps-von-raphael-fellmer/

Videos der beiden in Aktion gibt es hier: 

https://www.youtube.com/shorts/WeZ9CkE3zOE

https://www.youtube.com/shorts/5g_oLtkCZuE

Gemeinsam gegen Verschwendung

Ob durch bewussten Einkauf, gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen oder die Unterstützung von Initiativen wie SIRPLUS – jeder Schritt zählt im Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft.

Mittlerweile gibt es jedoch zahlreiche legale Wege, Lebensmittel zu retten – schau mal hier rein:

Foodsharing: Organisierte Abholung bei Betrieben und Verteilung über Fair-Teiler

Too Good To Go: App vermittelt überschüssige Lebensmittel aus Gastronomie und Handel

Die Tafel: Verteilung gespendeter Lebensmittel an Bedürftige

Sirplus & Motatos: Online-Versand geretteter Lebensmittel

Marktschwärmer: Direktvermarktung regionaler Produkte ohne Überproduktion

Was wir alle tun können – 5 Tipps

  1.  Bewusst einkaufen und Einkaufslisten nutzen
  1. Reste kreativ verwerten
  1.  Mindesthaltbarkeitsdatum richtig verstehen (oft noch lange genießbar)
  1. Lebensmittel richtig lagern
  1. Initiativen zur Lebensmittelrettung unterstützen

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist nicht nur ein ethisches Problem, sondern auch eine ökologische Katastrophe. Jedes gerettete Produkt zählt – für Mensch, Tier und Umwelt.

Sophie Willert