Stern-Artikel über Sieben Linden

Im Stern 49/18 ist ein schön bebilderter, fünfseitiger Artikel über Sieben Linden. Schade, dass wir mal wieder die Erfahrung machen mussten, dass Mainstream-Medien bewusst Dinge überspitzen, um ihre Leserschaft (oder ihre Werbekunden?) zu erfreuen.

Viele kleine Details wie Informationen, die nicht 100% falsch sind, aber doch falsche Assoziationen wecken, ziehen sich durch den Artikel.

Es fängt bei den Bildunterschriften an:

Geduscht wird im Freien“.  Ja, es gibt eine Außendusche, die im Sommer genutzt werden kann. Aber natürlich gibt es auch genauso Duschen in warmen Sanitärräumen.

„…. soll erzählen, wie sie wurde, wer sie ist...“ (und zwei Seiten weiter „…. muss ihr Seelenleben offenlegen“): Wahr ist: Alle, die hier mit uns leben, gestalten einen „Vorstellungsabend“, an dem sie aus ihrem Leben erzählen. Was sie erzählen, wie intim oder oberflächlich das ist, das entscheiden diese Menschen ganz alleine. Es ist eine schöne Art, jemanden kennenzulernen, ihre Lebensgeschichte zu hören und schafft eine sinnvolle Grundlage für unsere Gemeinschaft.

Auch durch den Text ziehen sich Simplifizierungen und Falschdarstellungen.

Die Probleme des Einzelnen sind die Probleme aller.“  Da hätten wir wirklich viel zu tun, wenn wir alle Probleme teilen würden. Wahr ist: Wir pflegen eine Gemeinschaftskultur, in der wir offener über die Dinge sprechen, die uns bewegen. Und wo es immer wieder viel Unterstützung in schwierigen Situationen gibt.

Brauchen wir einen Rasenmäher? Nein. Stattdessen gibt es Alpakas.“ Es gibt mehrere Rasenmäher in Sieben Linden. An diesem nebensächlichen Beispiel wird aber ganz besonders schön deutlich, wie die Autorin simplifiziert, um bestimmte Bilder zu bedienen. Ganz sicher hat ihr niemand erzählt, dass wir keine Rasenmäher hätten.

Ohne Zweidrittelmehrheit passiert nichts.“ Wir haben ein sehr differenziertes Entscheidungssystem, das der Journalistin auch in Grundzügen erklärt wurde. Dazu gehört inzwischen eine große Dezentralität bei Entscheidungen. Die Menschen haben in ihren Arbeitsbereichen weitgehende Entscheidungsfreiheit, und das ist uns sehr wichtig. Das Zweidrittel-Mehrheitsprinzip der Vollversammlung gilt nur für ganz bestimmte Entscheidungen, andere werden von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen (dann in der Regel im Konsens) entschieden, und auch die Entscheidungen der Vollversammlung sind in der Regel Konsensentscheidungen – mit „Nein“-Stimmen, aber ohne „Veto“.

Bevor ein Beschluss vorgetragen wird, muss jeder erzählen, wie er sich damit fühlt – damit alle wissen, ob es emotionale Belastungen gibt.“ Eine schöne Gepflogenheit unserer Ratssitzungen ist es, dass wir sie mit einer Runde anfangen, wie es uns gerade geht, und dass wir nicht einfach abstimmen und überstimmen und zur Tagesordnung übergehen. Aber niemand „muss“ erzählen, wie er / sie sich damit fühlt. Es gibt überhaupt sehr wenig „muss“ in Sieben Linden.

Wir vertrauen darauf, dass wir als Betroffene diese Fehldarstellungen vermutlich kritischer sehen als die meisten Leser*innen, aber trotzdem ist es schade, wenn Journalisten, denen wir viele Türen geöffnet haben, damit sie ein bisschen mehr von einem Gemeinschaftsleben verstehen als dass man ab und zu zusammen isst, solche bewussten Fehldarstellungen lancieren. Wir prüfen recht genau, welche Medien wir nach Sieben Linden lassen – diesmal haben wir uns leider verschätzt, was die Seriösität des Sterns angeht.

Warum wir trotzdem immer wieder Reporter*innen einladen und durchs Dorf führen? Weil das, wie wir hoffen, trotz allem noch ein wichtiger Beitrag ist, den wir zu einer Veränderung leisten wollen: Einer breiten Öffentlichkeit zeigen, dass selbstbestimmtes, nachhaltiges, gemeinschaftliches Leben möglich ist.

 

 

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1 Antwort

  1. Hartmut Mohr sagt:

    Diese Klarstellung halte ich für sehr wichtig. Der Stern-Artikel lies den Eindruck einer sektenähnlichen Struktur zurück. Aber immerhin: Er hat euch bekannt gemacht und mich animiert, euch im Internet zu besuchen.

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